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19. Tag der Grünen Tour: Hurra, endlich rieche ich die Ostsee!

Highlights:

  • 1.195 Kilometer
  • 11.430 Höhenmeter
  • Priwall

Der Tag in Ratzeburg begann sehr gut, denn als erstes habe ich ein erfrischendes Bad im Küchensee genommen und anschließend fast alle Köstlichkeiten des Frühstücksbüfett durchprobiert. Das war ein Tagesbeginn ganz nach meinem Geschmack.

Ratzeburg Küchensee
Der Einstieg in den Küchensee: so sollte jeder Tag beginnen 🙂

Danach habe ich über die letzten Wochen, die vielen Kilometer und anstrengenden Höhenmeter nachgedacht. Es hat sich gelohnt, ich habe meinen Plan umgesetzt und bin das Grüne Band entlang gefahren: 30 Jahre Grünes Band – 30 Jahre Mauerfall, beides jährt sich im November.

Im Reiseblog habe ich über meine Erlebnisse berichtet und hoffentlich dazu beigetragen, dass das Grüne Band bekannter und beliebter wird. Sowohl unter dem Aspekt, dass sich mehr Menschen für die Naturschutzprojekte am Grünen Band interessieren.  Aber genauso steht eine sanfte Entwicklung des Tourismus auf der Agenda, denn Naturschutz alleine bringt rückständige Regionen wirtschaftlich nicht voran.

Grünes Band Wakenitz
Schleuse bei Wakenitz
Grünes Band
Das Waldhotel am Grünen Band – kein 4-Sterne-Haus

Finales Aufbäumen

Mit diesen Gedanken wurde es immer später am Vormittag und der Himmel öffnete langsam, aber sicher seine Schleusen. Man erinnere sich: meine Regenkleidung bestand nur aus einem dünnen, gelben Vaude-Windjäckchen. Bis zum Treffpunkt mit meiner Frau wären es noch finale 50Km oder 2 1/2 Stunden Fahrzeit bis auf den Priwall. Tropfnass – keine tolle Perspektive.

Grünes Band
Das ist eine neue Aufgabe für mein freundliches Back-Office – worum geht’s denn hier?

Aber erst mal durchstarten und schauen, ob die Regenfront nicht abzieht. Ich muss zugeben, dass das schlechte Wetter gepaart mit der mittelprächtig abwechslungsreichen Landschaft meine Stimmung nicht gehoben hat. Ich stemmte mich gegen Wind und Wetter – immer weiter nach Norden zur Ostsee-Küste. Natürlich war die Aussicht, meine Frau gleich in die Arme zu nehmen, ein Ansporn zur Überwindung meiner Schlecht-Wetter-Abneigung.

Grünes Band
So viele Schuhe – Kunstwerk oder Ablageplatz?

Das Maritim Hotel als häßliche Landmarke

Die letzten Kilometer hatte ich das häßliche Hotelgebäude des Maritim in Travemünde schon lange im Blick, aber es war durch den Dassower See und die Pötenitzer Wiek nur mit einem großen Umweg zu erreichen. Also noch einmal die Zähne zusammenbeißen und die allerletzten Kilometer runterfahren. Dann habe ich unseren Treffpunkt am Passat-Hafen erreicht – und keine Frau wartete weder unter einer Laterne noch auf einem Poller sitzend.

Grünes Band
Das häßliche Maritim Gebäude in Travemünde

Mir ging durch den Kopf, ob wir uns vielleicht mit dem Treffpunkt mißverstanden hätten oder einfach aneinander vorbeigegangen wären. Nach einer Runde um den Hafen zückte ich mein Handy und nach dreimaligem Klingeln hob sie ab und sagte, sie würde gerade zum Hafen fahren. Und in diesem Moment sah ich sie in unserem Auto ums Eck biegen. Mich überkam riesengroße Freude und ich wollte sie ruck-zuck aus dem Auto zerren, um sie kräftig zu umarmen.

So war unsere Begrüßung lang und liebevoll. Aber ich gebe zu, ich freute mich auch ganz profan über den mitgebrachten Pullover, den ich fröstelnd überzog. Für die ersten Erzählungen gingen wir in die nahegelegene Seglermesse und quatschten uns die Ohren voll. So endete meine Tour – ein wenig nass, ein wenig bibberig und glücklich über meine Ankunft auf dem Priwall. Dass ich hier von Dagmar abgeholt wurde, machte das Ende der Radtour zu einem wunderschönen Anfang meines arbeitsbefreiten Lebens.

Grünes Band Passathafen Passat
Der alte Passat-Viermaster als Wahrzeichen des Hafens
Grünes Band Nixe
Hafen-Nixe wartete auf mich

Natürlich wollten wir die Gelegenheit für ein paar schöne Fotos zum Abschluss nicht verpassen. Wir zogen an den breiten Sandstrand und ich postierte mich – so gut es ging – fotogen vor das Priwall-Strandschild. Der Sprung in die Ostsee fiel an diesem Nachmittag aus. Ich wollte eine dicke Erkältung vermeiden, nachdem ich schon kräftig durchgefroren war. Aber für die kommenden Tage stand das ganz oben auf dem Programm…

Grünes Band Priwall
Nach 1.190 Km: Priwall-Strand am Ende der Grünen Band Radtour
Grünes Band
Zwei gegensätzliche Charaktere: Hotelklotz und Naturbursche
Grünes Band am Priwall
Hurra: Grünes Band am Priwall!

Anschließend hob ich mein Fahrrad auf den Fahrradträger, steckte die Packtaschen in den Kofferraum und wir fuhren ins kleine, hübsche Örtchen Boltenhagen an der Ostseeküste. Dort hatten wir ein Ferienhaus gemietet, um langsam wieder anzukommen und die gemeinsame Zeit zu genießen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Allgemein

5 Kommentare

  1. Dagmar Dagmar

    Das hast du aber schön beschrieben, unser Wiedersehen 😗 Ich war – und bin – sehr stolz auf dich, dass du die Tour durchgezogen hast und habe mich soooo gefreut, dich am Ende abzuholen und gemeinsame Tage an der Ostsee mit dir zu verbringen, deine Nixe

  2. Das freundliche Backoffice Das freundliche Backoffice

    Finales Aufbäumen

    Ok, das freundliche Backoffice hat recherchiert 🙂 Witzig: Die Überschrift des Abschnitts, unter der das Foto mit dem bemalten Türmchen steht, passt irgendwie auch zur Story dahinter.

    Bei dem Foto handelt es sich um das Transformatorenhaus des ehemaligen Dorfes Bardowiek, dass 1292 im Ratzeburger Hufenregister erstmals urkundlich erwähnt wurde. Btw: kannte ich den Ausdruck bislang nicht, war wohl eine Art Steuerregister. Wobei „Hufe“ nix über evtl. dort vorhandene Vierbeiner aussagt, sondern lt. Wikipedia für „Hofstelle mit Eigentumsrecht“ steht. Damals natürlich noch ohne Transformatorenhaus 😉

    Mehr als dieses, plus ein Findling, einige alte Obstbäume und ein Fundament sind von dem Dorf nicht übrig geblieben. 1525 gab es in dem zwischen Palingen und Selmsdorf gelegenen Bardowiek sechs Bauernhöfe. 1871 existierten dort laut einer Volkszählung zwölf Haushalte mit insgesamt 69 Einwohnern. Anfang der 50er Jahre waren es noch 35.

    Zur DDR-Zeit wurde Bardowiek, wie viele andere Dörfer, das Opfer einer Politik, die darauf abzielte, die im Sperrgebiet zur „Staatsgrenze West“ liegenden kleinen Dörfer platt zu machen. Zum einen um für LPGs Platz zu schaffen und außerdem die Grenze besser bewachen zu können, sowie Versteckmöglichkeiten für evtl. Republikflüchtlinge zu vermeiden. Stefan berichtete ja bereits an anderer Stelle von „wüsten“ Dörfern im Zusammenhang mit den Aktionen „Ungeziefer“ und „Kornblume“

    Die von der LPG „Gute Hoffnung“ übernommenen Höfe in Bardowiek wurden nach und nach aufgegeben, dem Verfall preisgegeben und schließlich 1977 abgerissen. Das letzte Gebäude wurde ironischerweise erst im Frühjahr 1989 abgebrochen. Das Trafo-Türmchen blieb aus unbekanntem Grund davon verschont.

    1993 gründete sich eine „Interessengemeinschaft zum Wiederaufbau abgerissener Grenzdörfer“. Darunter federführend ehemalige Einwohner von Bardowiek und/oder deren Nachkommen. Die meisten lebten da schon lange in Westdeutschland. Eine Entschädigung für die „kalte Enteignung“ erhielten sie anscheinend nie, weshalb ein großes Gefühl von Ungerechtigkeit vorherrschte. Sie bemühten sich vergeblich darum, auf dem Gebiet des geschliffenen Ortes Wohnhäuser errichten zu dürfen. Ein Plan, der auch von einigen der einst zurück gebliebenen „Ostdeutschen“ in Selmsdorf ambivalent und kritisch beäugt wurde. Behörden und eine Mehrheit der Selmsdorfer Gemeindevertretung erklärten, dies sei aus planungsrechtlichen Gründen ausgeschlossen. Die frühere Ortslage sei jetzt Außenbereich und läge außerdem im Biosphärengebiet. Aus Protest dagegen wurde die Inschrift auf dem Trafohäuschen angebracht, die Stefan fotografiert hat.

    Kleines Kuriosum am Rande: In den 90er Jahren traf sich diese Interessengemeinschaft jährlich zu einem „Dorffest ohne Dorf“ mit Festzelt, Essen und Trinken und Dixi-Klo. Damals waren bis auf einen Jungbauern fast alle Mitglieder bereits im Rentenalter. Das erklärt vielleicht, warum ich nach der Jahrtausendwende nichts mehr dazu gefunden habe.

    • Stefan Stefan

      Das Back Office hat wieder sauber und präzise recherchiert und das Ergebnis sehr anschaulich dargestellt! Vielen lieben Dank! Ich glaube, dass ein spezieller Beitrag zu den geschliffenen Dörfern und Weilern entlang der ehemaligen Grenze sinnvoll wäre. Da steckt einiges an Dramatik, Wut und „Gegen das Vergessen“ drin.

  3. Lieber Stefan,

    herzlichen Glückwunsch zu dieser verdammt schnellen Grenzgänger-Tour, aber, wie wir ja alle wissen, nur die Harten kommen in den Garten…Es ist schön, dass du so viel erlebt und gesehen hast, deinen Ruhestand hast du dir auf alle Fäll verdient. Die Bilder und die Texte haben mir sehr gut gefallen. Authentisch, interessant und für einen, der selbst die Grenze entlang geradelt ist, mir vielen Erinnerungen verbunden. Viel Spaß und Erfolg bei deinen nächsten (Rad-)Projekten.

    Beste Grüße
    Heinrich

    • Stefan Stefan

      Guten Tag, lieber Heinrich,

      danke für deine Nachricht und den Kommentar! Das freut mich sehr, ich lese selbst Berichte übers Grüne Band (und die erscheinen in diesem Jahr bis hin zum DB-Heftchen, welches in den Zügen ausliegt) mit anderen und interessierten Augen. Wegen der Schnelligkeit: manches werde ich mir kommendes Jahr erneut und mit mehr Zeit anschauen, dann nicht auf dem Rad, sondern mit WoWa und Fahrrad auf der Deichsel.
      Wer weiß, wohin mich die nächste Tour vermutlich im Jahr 2020 führt. Ich habe ein paar Ideen: Grünes Band 2.0 (also den Mauerweg rund um Berlin), den übersichtlichen Friedensweg auf der Rhön laufen (und eine Gedenkminute bei der Stelle einlegen, wo es mich vom Rad gehauen hat), den Radweg Bonn-Berlin. Ansonsten sitze ich noch am finalen „Aufhübschen“ meines Blogs – „Stille Tage in Boltenhagen“ wird der Epilog heißen. Aber keine Sorge, kein ausschweifendes Sex-Bekenntnis à la Henry Miller 😉

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