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Epilog: Stille Tage in Boltenhagen

Nach meiner Ankunft an der Ostsee, unserer Wiedersehensfreude und den Priwall-Fotos sind wir anschließend die wenigen Kilometer nach Boltenhagen gefahren, um dort eine Woche gemeinsamer Ferien am Meer zu genießen. Boltenhagen ist kein kleines, verschlafenes DDR-Örtchen mehr, wo man früher nach 19 Uhr nicht mehr am Strand spazieren durfte. Die beiden großen Reha-Kliniken wirken wie ein Magnet, doch allein die famose Lage zwischen Lübeck, Wismar und Rostock zieht viele Urlauber an. Das alles macht es trubelig und nach Nord-Westen hin wächst der Ort durch neu ausgewiesene Baugebiete immer weiter in die Felder hinein (sehr unhübsch, dieser Landschaftsverbrauch). Wir hatten uns deshalb für den ruhigen Oststrand entschieden und dort ein Ferienhaus aus den 30er Jahren mit großem Garten, keine 25 Meter bis zum Strand, gemietet.

Grünes Band ist nicht in Boltenhagen
Unser kleines, aber feines Ferienhaus in Boltenhagen
Grünes Band ist nicht in Boltenhagen
Schöner Garten zum Faulsein (leider nur bei Sonnenschein)

Andere Routine

Nach dem täglichen Ein- und Auspacken, vom Radfahren mal ganz abgesehen, war es ein Wohltat, die Klamotten übersichtlich im Schrank, ein konstantes Dach überm Kopf und nur wenige Schritte bis zum Meer zu haben. Und gemütlich und besonders war dieses Haus allemal, was wir auch an der Vielzahl der Promenaden-Spaziergänger feststellen konnten, die stehenblieben und sich das Häuschen ausgiebig (und voller Bewunderung ?) anschauten.

In dieser Woche fielen mir immer wieder gute oder weniger gute Erlebnisse ein, von denen ich meiner Frau erzählen konnte, die Highlights meiner Radtour wie auch ernüchternde Dinge. Deshalb eignete sich die Woche ideal fürs Ankommen und unsere Gemeinsamkeit. Ich nahm mir dann und wann ein paar Minuten, über den Sinn meiner Tour nachzudenken. Gab es handfeste Ergebnisse oder Erkenntnisse? Hat es mir die Gemeinsamkeiten und das Trennende zwischen Ost und West näher gebracht? Von allem etwas. Das Offensichtliche ist die unmittelbare Naturerfahrung, bleiben noch die drei Wochen, in denen mir der Fahrtwind um die Nase blies und ich die Schönheiten des Grünen Bandes entdeckten konnte.

Im Osten was Neues?

Wenn wir im Oktober 2019 den Jahrestag des Mauerfalls zum 30. Male feiern, können wir über die historische Chance froh sein, die sich mit der Wiedervereinigung bereits ein Jahr später ergeben hatte. Dass vorher noch der 4+2-Vertrag abgeschlossen werden musste, wäre eine weitere Geschichte (die hier nicht erzählt wird). Allerdings war nach Oktober 1989, selbst noch im Frühsommer 1990 nicht absehbar, dass der Einigungsvertrag bereits im Oktober 1990 umgesetzt würde. Mit dem zeitlichen Abstand wird mir jetzt bewußt, was bei diesem rasanten Tempo des gesellschaftlichen Wandels unter die Räder gekommen ist und was uns im dissonanten Verhältnis zwischen Ost und West beschäftigt: die (also die Ossis) wollten es nicht anders, jetzt aber über den Wegfall des „Kollektivs“ jammern und sich abgehängt fühlen. Die (also die Wessis) haben alles zerschlagen und abgewickelt – natürlich wussten sie alles besser. D-Mark und Reisefreiheit bedeuteten in der DDR 1989/90 sehr viel, über die negativen Implikationen durch die rasche D-Mark-Einführung haben sich die meisten Menschen keine Gedanken gemacht.

Zwei Punkte fallen mir in diesem Zusammenhang auf: Der „schlichte“ Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (GG) und die mangelhafte Auseinandersetzung mit den Unrechtsstrukturen in der DDR. Von den beiden möglichen Wegen zur Wiedervereinigung wählte man den scheinbar einfacheren, schnelleren des „Anschlusses“ nach Art. 23 GG. Damit wurde die Chance verspielt, ein gemeinsames, verfassungsrechtliches Dach zu entwicklen, an dem die Menschen aus beiden deutschen Staaten mitgearbeitet hätten und die „neue DDR“ als eigenständiger Verhandlungspartner auf Augenhöhe angesehen worden wäre. Die Vorbereitungsarbeit des „Runden Tisches“ zur neuen Verfassung der DDR verschwand mit der Volkskammerwahl im März 1990 in der Versenkung. Der alternative Ansatz von Art. 146 GG lautete damals: eine verfassungsgebende Versammlung aus Gesamtdeutschland sollte die neue Verfassung diskutieren und verabschieden. Wahrscheinlich wäre die neue Verfassung mit einigen Artikeln zur sozialen Gleichheit und um plebiszitäre Elemente ergänzt worden, doch die bisherigen Eckpunkte des Grundgesetzes wie die bürgerlichen Freiheiten hätten alle unterschrieben. Diesen Weg favorisierten die Vertreter der Bürgerrechtsbewegung, fanden sich nach den Volkskammerwahlen jedoch als kleine Minderheit wieder. Insofern hatten beide deutsche Staaten die einmalige Chance für etwas gemeinsames Neues vertan – die wird sich auch nicht mehr wiederholen.

Risiken und Nebenwirkungen der Vergangenheit

Die Dynamik der Verhältnisse führte zum schnelleren Weg und niemand warnte nennenswert vor den „Risiken und Nebenwirkungen“ (auch nicht der Arzt oder Apotheker): Anfang Juli 1990 wurde die Währungsunion beschlossen und am 3. Oktober 1990 kam die Wiedervereinigung. In den nachfolgenden drei Jahrzehnten ist vieles besser geworden, aber ich behaupte, dass dieser Prozess bislang nicht alle Ostdeutschen in der Seele erfasst hat: Ressentiments gegen Andersdenkende, Ablehnung der Gewaltenteilung, keine Aufarbeitung der braunen Vergangenheit durch den „antifaschistischen Staat“ auf deutschem Boden, mangelhafte Auseinandersetzung des Täter/Opfer-Unrechts. Das hängt nicht nur, aber in hohem Maße mit dem überhasteten Reinstolpern in die deutsche Einheit und dem Verdrängen der Vergangenheit ab. Die Westdeutschen hatten nach dem Krieg die Care-Pakete, Butter, Fett und das Wirtschaftswachstum à la Erhardt. Die gesellschaftlichen Brüche wurden in der BRD erst ab Mitte der 60er Jahre sichtbar und bis zum Beginn der 90er Jahre heftig ausgetragen. Dass es jetzt eine Art Roll-back und Restaurationsbestrebungen – vor allem in den neuen Bundesländern – gibt, ist für viele im Westen unverständlich („Erst so viel Geld in den Arsch blasen und jetzt auch noch meckern“). Dies ist insbesondere aus dem Umgang mit der Vergangenheit zu erklären: „Augen zu und durch“ funktioniert auch im Osten nicht auf Dauer!

Ich kann euch den „Kinderfilm für Erwachsene“ empfehlen: Fritzi, eine Wende-Wundergeschichte. Es wäre schön, wenn die letzten 30 Jahre im Zusammenleben von Ost- und Westdeutschen so anrührend und herzlich verlaufen wären.

Stille Tage in Boltenhagen?

Doch zurück nach Boltenhagen. Was macht man am Meer? Baden, Sonnen, Spaziergehen, viel draussen sein. Baden und Sonnen waren die ersten Tage etwas eingeschränkt, da das Wetter mit dem letzten Tag meiner Tour tatsächlich umgekippt war. Es war kühler, regnerischer und fast schon Kaminwetter, im Norden nennt man es ganz einfach: Schietwetter. Allerdings spielen hier bekanntermaßen nur die Bekleidung und die Einstellung eine zentrale Rolle 😉

Grünes Band Boltenhagen
Spieglein, Spieglein… nein, nasser Gartentisch funktioniert wie ein Spiegel (das reimt sich jedoch nicht)
Grünes Band Boltenhagen
Garten, Strandpromenade, Düne, Meer…

Morgens war das für uns noch einfach, denn da das Meer nur wenige 25 Meter entfernt war, konnten wir flugs zum Strand laufen und ein paar Minuten schwimmen. Meistens endete das Meeres-Vergnügen schon bald, jedenfalls bevor wir blau angelaufen waren – zu Hause wartete eine heiße Dusche auf uns. Ein empfehlenswerter Tagesbeginn, der alle Sinne rasch in Fahrt bringt.

Grünes Band Boltenhagen
Dräuendes Wetter am Strand
Grünes Band Bolternhagen
Einmal Meer – und zurück
Grünes Band Bolternhagen
Was kann man mee/hr dazu sagen…

Die Umgebung von Boltenhagen

Neben langen Spaziergängen am Strand und Erkundungen von Boltenhagen, unternahmen wir ein paar Ausflüge in die Umgebung: Lübeck (wegen des Marzipans und des Hanse-Museums) und …

Lübeck Hansemuseum
Das Europäische Hansemuseum
Lübeck hansemuseum
Das Europäische Hansemuseum lockt mit einem Besuch
Lübeck Holstentor
Holstentor – mal ohne viele Touristen

… und nach Travemünde (wegen des Hafens).

Travemünde Passat
Das Museumsschiff „Passat“ bei Travemünde
Travemünde Piraten
Hilfe, die Piraten kommen

Aber auch die Umgebung von Boltenhagen ist für Ausflüge gut: z.B. Schloss Bothmer bei Klütz oder der Aussichtspunkt zwischen Klütz und Kalkhorst. Das Hofgut Hoher Schönberg hatte zum 25. Jubiläum des Mauerfalls eine Aussichtsplattform auf dem Hohen Schönberg errichtet. Zu DDR-Zeiten hieß diese Anhöhe im Volksmund „Sehnsuchtsberg“, weil man zur Lübecker Bucht und nach Travemünde (einschl. des häßlichen Maritim-Hotels) schauen kann. Heute hat man nach wie vor einen exklusiven 360°-Rundumblick über die benachbarten Dörfchen, immer noch bis zur Ostsee und natürlich auch bis Travemünde…

Schloss Bothmer in Klütz
Schloss Bothmer bei Klütz
Schloss Bothmer
Baumallee zum Schloss Bothmer
Sehnsuchtsberg Hohen Schönberg
Der „Sehnsuchtsberg“ (Gut Hoher Schönberg)

Unsere Urlaubswoche verging wie im Flug und nach einem überraschend angehängten, zusätzlichen Urlaubstag mussten wir (leider) doch unsere Sachen packen und nach Hause fahren.

Mitbringsel vom Grünen Band

Zum Ende möchte ich noch eine kleine medizinische Anekdote loswerden. Einige werden sich an meine unschöne Begegnung mit den Schottersteinen auf der Etappe nach Birx erinnern. Mit Oberschenkel und Ellenbogen hatte ich unfreiwillig einen Bremsversuch unternommen, was mich noch immer begleitet und manchmal an diesen unseligen Nachmittag erinnert. Am Ende der Tour war vor allem der Ellenbogen noch lädiert und tat weh. Als natürlicher Heilungsprozess bildet sich mit der Zeit eine Schorfschicht auf den betroffenen Hautpartien – und gut ist. So dachte ich wenigstens. An einer Stelle schien der Schorf jedoch sehr (!) dick zu sein und fühlte sich auch sehr (!) verhärtet an.

Grünes Band Schottersteinchen
Das letzte Mitbringsel vom Grünen Band

Weder robuste Hausmittel noch Handauflegen schienen zu helfen, so dass erneut ein Besuch beim Arzt anstand. Zum Glück klappte das auf Anhieb beim Allgemeinmediziner Th. Markwardt in Boltenhagen. Der dachte zunächst an einen geronnenen, verkapselten Blutklumpen. Doch am Ende pfiffen er und seine Assistentin anerkennend durch die Zähne, als er das Steinchen mit einem kleinen Schnitt entfernt hatte. Der Vergleich mit dem 1-Cent-Stück macht einiges her. Ich war erleichtert, wie er mir das Andenken ans Grüne Band zeigte und in einem kleinen Probenbehältnis mitgab.

Ein Wort zum Abschluss

Liebe Leser/innen, ich freue mich, dass ihr bis zum Schluß durch- und ausgehalten habt. Drei Wochen sind ja keine wirklich lange Zeit, die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag werden bald Geschichte sein und die Landtagswahlen in Thüringen könnten vermutlich meine Befürchtungen zum Erstarken der völkisch-reaktionären Kräfte um Bernd Höcke bestätigen. Es gibt genug zu tun, sowohl das Grüne Band noch stärker ins Bewußtsein zu rücken als auch die Defizite aus der Vergangenheit aufzuarbeiten – damit die kommenden 30 Jahre besser werden!

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Wer mehr wissen will oder mich erreichen möchte – einfach eine Mail an mich schicken:
info@mein-gruenes-band.de

Veröffentlicht in Allgemein

2 Kommentare

  1. Nico B Nico B

    Hallo Stefan, ich bin durch Zufall auf den Blog gekommen, weil ich etwas für meinen Geografie-Unterricht zum Grünen Band suchte. Manchmal bleibt man dann an etwas hängen, obwohl einem die Zeit davonläuft. Ich muss leider noch etliche Jahre arbeiten, bis ich mir das „leisten“ könnte. Ich bin richtig begeistert, was und wie du schreibst – sehr plastisch und nicht nur nach dem Motto „heute hiehin geradelt, morgen gings dann weiter“ – das gehört auch dazu, dennoch gibt es bei dir viele Informationen, die nicht immer direkt mit diesem Weg zu tun haben. Finde ich gut und habe es gerne weiter gelesen. Was kommt als nächstes? Oder war das ein einmaliges Projekt? Jedenfalls alles Gute für die Zukunft – tschüss Nico Bender

    • Stefan Stefan

      Guten Tag Nico, danke für dein Interesse und Kompliment. Es freut mich, dass die Web-Suche dich auf meine Seite geführt hat. Hoffentlich konntest du deinen Unterricht mit meinen Impressionen und Beobachtungen aufpeppen – beste Grüße Stefan Reeg

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