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3. Tag der Grünen Band Tour: Der Thüringer Wald ist einsam und steil

Weil heute die Komoot App herumzickte, musste ich drei Anläufe unternehmen, um die Tour von Probstzella nach Steinach aufzuzeichnen.

Highlights:

  • Thüringer Warte
  • Begegnung mit dem Rennsteig
  • Wildberg Café
  • Der nackte Mann

Heute sollten mich wieder einige Höhenmeter erwarten, aber dass es gleich nach Probstzella so dicke kommen würde, überraschte mich sehr – man könnte auch sagen: dumm gelaufen.
Zunächst wollte ich nur ein schönes Foto vom Bauhaushotel machen. Dazu hätte ich auf der anderen Talseite ein wenig nach oben fahren müssen, um freie Sicht aufs Hotel zu haben. Hätte, hätte – so war der Plan. Erstens kam es nicht dazu und zweitens dann auch noch anders. Ich mühte mich mit größter Mühe im kleinsten Gang und mit dem „E-Booster“ den äußerst steilen Berg hoch, bis ich auf einen verblichenen, windschiefen Wegweiser zur „Thüringer Warte“ traf – hurra, das war immerhin mein erstes Zwischenziel an diesem Tag.

Dieser verf***te Kolonnenweg

Vorher war die Wegführung so dämlich, dass immer wieder Bäume im Blickfeld waren und somit das beabsichtigte „gute Foto“ verhinderten. Jetzt nahm das Unglück weiter seinen Lauf, denn dieser Streckenabschnitt führte wieder einmal über den Kolonnenweg (diesmal mit einer anderen Plattenstruktur, nämlich Lochplatten) – steil bergauf und genauso steil bergab. Beides hat es mit drei schweren Packtaschen auf dem Hinterrad in sich. Hochfahren mit Booster-E-Support im kleinsten Gang entlastet das Vorderrad, so dass es kippelig und nervös wird. Zumal Anfahren am Steilhang dann eine Herausforderung der besonderen Art darstellt – ein paar Mal hätte es auch für einen Stunt-Experiment „Wie probe ich Wheelies“ gereicht. Bergab werden die Handgelenke und die Aufmerksamkeit gefördert, wenn man vermeiden möchte, gekonnt in die Böschung oder gleich den Abhang hinunter zu stürzen.

Thüringer Warte

Nach 45 Minuten war es jedoch geschafft und ich hatte fast die Thüringer Warte erklommen. Kurz vorher bekam ich einen Wink von Heinz, mit dem ich anschließend einen Plausch hielt. Er gab mir den richtigen Tipp für die letzten 1 1/5 Km zum Aussichtsturm, nämlich auf der asphaltierten Straße zu bleiben und nicht den Schotterweg zu nehmen. Ich verwickelte ihn in bekannter Manier in ein längeres Gespräch über die Eigenheiten der Bayern (der Franken!) und der Thüringer. Heinz war gerade mit dem Aufladen von Holzscheiten auf den Hänger seines Schleppers beschäftigt, schien über meine freundliche Ablenkung jedoch erfreut. Er erklärte mir, dass hier am Rennsteig eine natürliche Grenze verläuft: Wasser- und Wetterscheide, sprachliche und kulturelle Eigenheiten von Franken und Thüringern eingeschlossen. Er machte einen recht zufriedenen Eindruck mit sich und seinen Leben – wobei er auch zwischendurch gerne von „denen“ sprach, gemeint waren dann die Menschen aus Thüringen. Aber mit seinem fränkischen Dialekt klang es erstens immer sehr freundlich und zweitens in seiner Einfachheit überzeugend. Vielleicht tue ich ihm Unrecht, er erschien mir in gewisser Weise der Archetyp des „Unveränderlichen“. Wenn das stimmen würde, wäre das Zusammenwachsen der beiden Deutschländer noch ein Weg für weitere Generationen.

Grünes band Heinz
Heinz vor seinem Schlepper – beim Holzmachen

Das nächste Erstaunen kam, als ich die Thüringer Warte erreichte. Der fast 27m hohe Turm steht auf dem 678 m hohen Ratzenberg. Entgegen seines Namens steht der Turm nicht auf thüringischem Boden, sondern war 1963 gebaut worden, um den Westdeutschen den Blick zu den „armen Brüdern und Schwestern im Osten“ zu ermöglichen. Man kann von der damaligen politischen Absicht halten was man will, der Blick über die Höhen des Thüringer Waldes ist einfach fantastisch, heute wie damals. Ich war der erste an diesem Tag und hatte den Turm ganz alleine für mich, auch den Aufstieg auf die Aussichtsplattform.

Thüringer Warte
Die Thüringer Warte am Grünen Band: Orkan Kyrill 2007 hat seine Spuren hinterlassen
Thüringer Warte am Grünen Band
Thüringer Warte – wow
Thüringer Warte am Grünen Band
Thüringer Warte – das Ganze mal von oben
Grünes Band Thüringer Warte
Ganz alleine für mich: 360° Rundumblick von oben
Grünes Band Thüringer Warte
Grandioser Blick über den Thüringer Wald

Von da an ging es bergab. Fast, obwohl mir Heinz einen wichtigen Tipp zur Weiterfahrt gegeben hatte, verfranselte ich mich total und kam letztlich an einer abseitigen Stelle wieder aus dem Wald heraus, nach ca. 350 Höhen- besser: Tiefenmetern. Aber wozu hat man(n) zwei Beine. Ich musste die Komoot App neu starten – in diesem Falle sogar neu installieren, denn die zickte (und zuckte) nur herum. Immerhin lief dann alles wieder normal, bis auf die Tatsache, dass ich ein steiles Serpentinengeschlängel über 5 Km nach oben strampeln musste, um auf den Rennsteigweg zu gelangen.

Kurzes Rennsteig-Abenteuer

Grünes band Rennsteig
Ohne R fehlt dir was: Kurze Rennsteig-Begleitung am Grünen Band

Auf der Höhe angekommen wurde ich von einer längeren Flachstrecke belohnt und habe dabei Moritz aus Erlangen an einer Pausenhütte getroffen. Er war auf einer Rennsteig-Wanderung, um zwei Etappen „nachzuholen“. Bereits zu Ostern hatte er mit einem Freund 1 ½ Etappen erwandert und musste wegen Blasen an den Füßen leider aufgeben. Seine Schuhe waren damals nur sub-optimal für diese Wanderung. Nach einer interessanten Unterhaltung über zum Wandern untaugliche Schuhe und den Vorteil, mit dem Rad unterwegs zu sein, ging es für mich weiter, meistens bergauf. Anscheinend hatte ich mir wieder einmal den steilsten Weg zu meinem nächsten Etappenziel in Steinach ausgesucht.

Grünes band Moritz
Quatsch-Pause mit Moritz am Rennsteig

Die Kommunarden vom Wildberg Café

Das hatte jedoch einen bestimmten Grund, denn ich wollte einen Zwischenstopp beim Wildberg Café einlegen. Das Café bzw. das gesamte Anwesen ist ein wenig berühmt für seine schillernde Vergangenheit. Nur wenige Meter von der „Zonengrenze“ entstand in den 70er Jahren eine der ersten Landkommunen in Deutschland – ohne privaten Besitz, natürlich mit freier Liebe (so wollte es wenigstens die Nachbarschaft sehen) und Ablehnung durch die restliche „Landbevölkerung“. Um sich vor den Blicken der aufdringlichen DDR-Grenzern zu schützen, pflanzten die Kommunarden Sträucher und Bäume – daher kann man noch heute den alten Grenzverlauf gut erkennen. Leider hatte ich am Fuße des Anstiegs das Schild mit „Café – nur sonntags geöffnet“ übersehen. Auch mein sympathischstes Zureden nützte nichts, die Tür blieb verschlossen und es gab nur Wasser und – nein, nicht Brot – sondern ein selbst geschmiertes Brötchen vom Frühstückstisch des Bauhaus Hotels. Ich musste höllisch aufpassen, dass ich mein karges Mahl nicht mit den beiden, zum Hofe gehörenden Ziegen teilen musste.

Grünes Band - Ziege
Schmusige Ziege…

Am Ende kam die Offenbarung – in Gestalt von Dietrich Schütze, einem der Gründer der Wildberg-Kommune. Im Alter hatte er mich bereits überholt – von der Sprache und seinen Erzählungen war er genauso jung und lebendig. Ein interessanter Zeitgenosse, der dort mit seiner Frau lebt und den kleinen Hof am Laufen hält. Und sich gerne ins lokale Zeitgeschehen mit nicht immer mehrheitsfähigen Äußerungen einmischt. Wie man sehen kann: auch Kommunarden müssen mal die Bude saugen, wenn das Landleben zu viele Spuren hinterlassen hat, jedenfalls ein freundlicher Mensch, mit dem ich noch länger hätte erzählen können.

Grünes Band Kommunarde
Dietrich Schütze – ein ehemaliger Kommunarde vom Wildberg

Nachdem ich nach einiger Zeit den Sattelpaß erklommen hatte, war für den heutigen Tag genug an Aktion gezeigt. Ich ließ es sehr gemächlich angehen und rollte frohgemut auf das Städtchen Steinach zu. Das dortige Hotel nennt sich nicht ohne Grund OutdoorInn, weil man drinnen und draußen jeder Menge sportlicher Aktivitäten nachgehen kann. Diese werden vom Hotel für Einzelpersonen, vorzugsweise aber für größere Gruppen angeboten. Ich bin herzlich empfangen worden, die Mitarbeiterin an der Rezeption wartete schon auf mich, denn es waren an diesem Wochenende nur wenige Gäste im Haupthaus – und ich war der letzte an diesem Tag. Da Steinach nicht direkt auf der Liste der 100 attraktivsten Orte steht, war ihr Vorschlag, die Sauna anzustellen, goldrichtig. Es zeigte sich später, dass kein einziges Restaurant offen hatte: entweder gänzlich geschlossen oder Betriebsferien oder „Geschlossene Gesellschaft“. So blieb nur der REWE-Markt, um ein paar Köstlichkeiten wie Käsewürfel, Cracker und Obst einzukaufen. Immerhin bin ich nicht verhungert.

Das OutdoorInn Hotel in Steinach

Das Hotel liegt an der Hauptstraße, direkt gegenüber vom kleinen Bahnhof und ist für Menschen, die den südlichen Thüringer Wald entdecken wollen, ideal. Von hier aus kann man schöne Wanderungen oder Radtouren unternehmen, wenn man nicht die vielfältigen Angebote des Hotels in Anspruch nehmen möchte. Im Winter stehen Langlauf oder Schneeschuh-Wandern auf dem Programm. Ein Skilift in der Nähe sorgt für Abfahrtsski-Atmosphäre. Touren in die größeren Städte wie z.B. Sonneberg oder Coburg bieten sich an. In Steinach gibt es sogar ein kleines Freibad, was im Sommer für eine erfrischende Abkühlung sorgen kann. Sonst lebt die Gegend überwiegend von der Natur. Manches sieht mitgenommen aus, denn die Schäden vom Orkan Kyrill oder das trockene Wetter sind deutlich sichtbar.

Grünes Band Steinach OutdoorInn Sporthotel
Das OutdoorInn Sporthotel in Steinach

Der nackte Mann

Es gibt in diesem thüringischen Örtchen einen lustigen sportlich-künstlerischen Leckerbissen: in den 70er Jahren drehte Konrad Wolf einen Film über eine Statue im Fellberg-Stadion, das ist die Spielstätte des SV 09 Steinach. Das Besondere daran: die Statue stellt einen nackten Mann dar. Die Honoratioren des Clubs hatten sich vom Künstler Werner Stötzer einen kraftvollen Sportler als bedeutendes Kunstwerk für ihr Stadion gewünscht. Und dann mussten sie sich mit einem Nackten anfreunden, was anscheinend in der damaligen Zeit – trotz der viele FKK-Freunde und -Freude im Osten – nicht ganz einfach war. Im Film werden unprätentiös und leise auf einige Widersprüche, gerade auch für Künstler, in der DDR-Gesellschaft hingewiesen. Sicher keiner der besten Filme von Konrad Wolf, aber ein Zeitdokument, was das Leben in einer thüringischen Kleinstadt Mitte der 70er Jahre wiederspiegelt.

Grünes Band der nackte Mann vom Fellbergstadion
Der nackte Mann vom Fellbergstadion in Steinach (mit freundlicher Genehmigung der DEFA-Stiftung)

Zurück zum Hotel: es wurde 2009 gebaut und sieht trotz der vielen Schulklassen, die hier Aktiv-Freizeiten verbringen, sehr proper aus. Da wird sicher ständig der Pinsel geschwungen, jedenfalls fand ich alles sehr frisch und gemütlich. Pluspunkte sind die vielfältigen Freizeitaktivitäten und Sportmöglichkeiten sowieso die großzügige Sauna. Außerdem sind die Preise sehr zivil. Was möchte ich damit sagen: mir hat’s gefallen und ich würde Outdoor-orientierten Menschen diese Unterkunft sehr empfehlen! Hier gibt es weitere Infos zum Hotel.

Grünes Band Treppensteigen
Statt eines Aufzugs – Treppensteigen als Therapie 😉

Veröffentlicht in Allgemein

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