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Ahrflut: Wie geht es weiter?

Nach der Ahrflut: Wo bleibt die Zukunft?

Gerade ist die offizielle Gedenkfeier zum Jahrestag der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr vorbei. Die von vielen erhoffte, gewünschte und geforderte Entschuldigung der Politik blieb aus. Trotz des gewählten feierlichen Rahmens hinterließen einige der offiziellen Reden einen schalen Beigeschmack, da der Gegensatz von politischer Deklaration und erlebter Desorganisation nach der Flut mit Händen greifbar war. Die Nennung der Namen aller Toten und der Sternenhimmel sowie Berichte von Betroffenen der Flutkatastrophe waren die bewegenderen Momente dieses Gedenkens.

Fortschritte sichtbar

Es gibt Fortschritte: alle eingestürzten oder einsturzgefährdeten Häuser sind verschwunden, die riesigen Halden mit Hausmüll, Bauschutt, Bäumen und anderen Dingen sind weggeräumt, alle demolierten Autos wurden verschrottet. Einige der wichtigsten Brücken sind provisorisch ersetzt worden. Es wird vielerorts gebaut, saniert, so dass im Abstand von Wochen immer wieder Schritte nach vorne erkennbar sind. Die „Uferlichter“ in Bad Neuenahr wurden zum Jahreswechsel 21/22 gefeiert, es gab Weinfeste, Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen, aber dennoch ist das Leben an der Ahr vielfach wie paralysiert, im Dauer-Ausnahmezustand. Viele Menschen sind „nah am Wasser gebaut“, wenn sie über den letzten Juli sprechen, die unmittelbare Angst vor einer nächsten Flut ist immer vorhanden und das Gefühl, die Heimat, vielleicht für immer, verloren zu haben, ist ebenfalls sehr ausgeprägt.

Ahrlichter Bad neuenahr 2021
Ein wenig Hoffnung: Winterliche Ahrlichter
Ahrlichter Weihnachten 2021
Und die Nacht wird hell

 

 

 

 

 

Natürlich wird über die langsame finanzielle Hilfe und Unterstützung geklagt. Das Land hatte unbürokratische Hilfe zugesagt, aber da heißt es: immer Vorsicht, wenn Politiker:innen von unbürokratischer Hilfe sprechen. Die Anträge seien zu kompliziert, es würden Daten erfragt, die – wenn alles weggeschwommen ist – eben nicht mehr verfügbar sind, wird häufig kritisiert. Die Versicherungen zahlen, aber wohl auch nicht offenen Armen, sondern nach Vorlage von Gutachten. Und damit ist eines der Nadelöhre benannt, denn die Voraussetzung für finanzielle Hilfen, die über kleinere Beiträge hinausgehen, sind Gutachter – und die sind Mangelware, wie Handwerker, wie Baumaterial, wie gute Nerven, wie Durchhaltevermögen. Ich bin gespannt, ob diese Kritik in den kommenden Tagen lauter wird, weil durch den Jahrestag natürlich auch eine hohe mediale Präsenz vorhanden ist.

Neben diesen zum Teil sehr persönlichen Trauer- und Traumaerlebnissen, der üblichen Verstopfung der Bürokratie, die erst wieder durch ein Abführmittel in Bewegung kommt, steht ein besonders kräftiger Elefant im Raum, eigentlich sind es gleich zwei: Wie soll das Ahrtal in 20, 30 oder 40 Jahren aussehen, was ist die Zukunftsvision in Bezug auf die Arbeits- und Lebenswirklichkeit der Menschen? Auf der anderen Seite: es steht zu erwarten, dass solche Flutereignisse durch den globalen Klimawandel  häufiger auftreten werden als in der Vergangenheit, darum müsste der Fluss ein hochwasserstabiles Bett im Tal bekommen. Das berührt auch die erste Frage, denn um gegen extreme Hochwasser-Lagen gewappnet zu sein, benötigt die Ahr mehr Platz.

Zu beiden Fragen hört man sehr wenig. Klar, gibt es eine nicht unwesentliche Fraktion, die alles so aufbauen möchte wie vor dem 14. Juli 2021. Und die anderen? Es sind nur wenig Stimmen, die einen Perspektivwechsel vorschlagen. Das würde bedeuten, dass größere Uberflutungsgebiete geplant werden, dass die „roten Zonen“ zum Verbot der Bebauung ausgeweitet werden müssten, dass es überhaupt Planungen im Zusammenspiel aller Beteiligten (Bewohner, Weinbauern, Touristik, Hochwasserschutz und viele mehr) für eine Vision „Ahr 2050“ geben müsste.

Auch diese Katastrophe kann mit all ihrem Leid einen Anstoß zu einem „neuen“ Ahrtal geben.

Veröffentlicht in Allgemein

3 Kommentare

  1. Markus Mannsheimer Markus Mannsheimer

    Das finde ich wirklich eine sehr spannende und für uns im Ahrtal lebende Menschen auch wichtige Frage. erstmal danke ich Ihnen, dass Sie – wenn auch etwas schwarz/weiß-mäßig – diese essentiellen Themen angesprochen haben. Ich persönlich schwanke auch zwischen „wie früher“ und „alles ganz neu“ machen. Wir wohnen in Ahrweiler, jedoch auf dem Anstieg nach Ramersbach, so dass wir vor einem Jahr zunächst nur die unfassbaren Regenmengen mitbekommen hatten. Der verstörende Schock traf uns erst am morgen danach – und hielt lange Zeit an. Meine Frau, unser älterster Sohn und ich waren auch bei den „Freiwilligen“ – diese Solidarität und Hilfsbereitschaft von völlig fremden Menschen haben uns Mut und Kraft gegeben – wie vielen der Betroffenen. Jetzt ein Jahr später stellt sich die Frage des „Wie“ des Wiederaufbaus sehr konkret, manche Fakten sind schon geschaffen (teils aus Ungeduld, teils aus Ignoranz…), aber es bleibt noch Zeit über die Fragen des Hochwasserschtuzes, des „neuen“ Ahrtals, der Zukunft für unsere Kinder nachzudenken und zu entscheiden. Ich möchte ein neues Ahrtal, dass schöner und sicherer ist als bislang. Vieles aus Gastronomie und restauration war in die Jahre gekommen, was mE nicht mehr lohnt aufzubauen. Wenn schon Tourismus, dann etwas flotter, moderner, nachhaltiger – wir sind in vielen Punkten in der 1980er Jahren stehengeblieben. Und natürlich soll es sicherer werden, dass ein Hochwasser nicht mehr so schlimme Folgen haben muss. Da sehe ich leider bislang keine langfristigen Konzepte, die den Menschen Mut machen.
    Es wäre wünschenswert, wenn die Landesregierung, usnere neue Landrätin, die betroffenen Gemeinden und die Bürger/Bürgerinnen gemeinsam über diese Fragen nicht nur anläßlich der Feierstunden ins Gespräch kommen und der nächsten Generation eine lebenswertes Ahrtal hinterlassen.

  2. Stefan Stefan

    Lieber Herr Mannsheimer, ich bedanke mich sehr herzlich für den langen Kommentar und Ihre Gedanken zum Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe. Da ich „nur“ auf der anderen Rheinseite gegenüber der Ahrmündung wohne, bin ich natürlich nicht unmittelbar betroffen. Trotzdem habe ich einen Meinung dazu und hielte es für hilf- und segensreich, wenn trotz der verständlichen Ungeduld über langsames Handeln der Landesregierung, der öffentlichen Hand, der Versicherungen usw., ein tragfähiges Konzept für ein Ahrtal des 21. Jahrhunderts entstehe würde: ökologisch ausgewogen, hochwassersicher(er), lebenswert, mit neuen touristischen Akzenten und einer Generation, die aus dem tragischen Verlust mehr Chancen sieht als bloß Nachteile und Risiken. Alles Gute für Sie und Ihre Famlie – lieben Gruß Stefan Reeg PS: Entschuldigen Sie die verspätete Antwort – wir sind gerade in Ferien.

    • Markus Mannsheimer Markus Mannsheimer

      Lieber Herr Reeg, danke für Ihre ausführliche und mitfühlende Antwort auf meinen Kommentar, wie es ein Jahr und später nach der Ahrflut-Tragödie weitergeht. Obowhl die Rhein-Zeitung ja wirklich kein überregionales Weltpresse-Medium ist, hat sie im letzten Jahr mit sehr viel Energie und kritischer Recherche an der Aufarbeitung der Flutkatastrophe mitgearbeitet – dieser Link mit vielen Artikeln zeigt, wie sehr auch alle Beteiligten an einer Lösung für das „neue Ahrtal“ arbeiten: https://www.rhein-zeitung.de/region/rheinland-pfalz/hochwasserkatastrophe-in-rheinland-pfalz.html – sehr zu empfehlen. Viele Grüße auf die andere Rheinseite Markus Mannsheimer

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