Springe zum Inhalt →

15. Tag der Grünen Band Tour: Heute mal ’ne Abkürzung

Highlights:

  • Gedenkstätte Gardelegen / Feldscheune Isenschnibbe
  • Gedenkstätte KZ Dora-Mittelbau
  • Künstlerstadt Kalbe

Diesen Landstrich in Deutschland muss man mögen – oder eben nicht so sehr. Er macht nichts besonderes her: flache Landschaft und meist wenig gesprächige Menschen. Eigenartig auch, dass ich meine Zufallsbekanntschaften eher im Osten traf. In den vergangenen Tagen war es jedoch eindeutig schwieriger geworden, Menschen in ein Gespräch über Ost und West hineinzuziehen. Warum heißt es in der Überschrift: Heute mal eine Abkürzung? Heute werde ich nicht von Oebisfelde den Grenzweg nach Salzwedel und dann die Strecken weiter an den Arendsee nehmen, sondern quer durch Sachsen-Anhalt nach Gardelegen fahren. Unterwegs würde ich „auf freier Strecke“ meine lang-, lang-, langjährige Freundin Barbara aus Berlin treffen, die mich bis Ratzeburg begleiten wollte.

Beim Frühstück traf ich zwei sehr mobile Norweger, die entlang der Elbe auf dem Weg nach Prag waren – wohlgemerkt mit dem Fahrrad! Es stellte sich heraus, dass sie beinahe jedes Jahr eine längere Tour unternehmen, weil Morten, der jüngere von beiden, seit einigen Jahren pensioniert war und Erik, der ältere dieser Zweierbande, selbständig war. Morten war 67 und Erik war 75 – Hut ab, denn sie wollten sich erst in zehn Jahren ein E-Bike kaufen. Ich machte sie schon für eine neue Tour heiß: den Fernradweg EV 13, der in Norwegen startet und bis ans Schwarze Meer verläuft. EV 13 ist der Iron Curtain Trail, bei dem das Grüne Band die Teilstrecke in Deutschland abdeckt. Nach diesem plaudrigen Frühstück-Treffen musste ich los – komme, was wolle.

Grünes Band Norweger
Morten und Erik vorm Hotel am Markt / Oebisfelde

Gedenkstätte Gardelegen: Feldscheune Isenschnibbe

Gardelegen ist für mich einer der bedrückendsten, aber auch eindrücklichsten Gedenkstätten, die ich in meinem Leben bislang gesehen hatte. Ich war auf dieses Mahnmal durch einen im Frühjahr 2019 stattgefundenen Besuch des KZ-Geländes Mittelbau-Dora gestoßen. Wenn man dieses Lager heute anschaut, kommt einem willkürlich der Gedanke, in einem weitläufigen Park zu flanieren. Das KZ war zwischen sanften, grünen Hügeln eingebettet und vermittelt einen lieblichen Eindruck, der sich gar nicht mit den menschenverachtenden Rahmenbedingungen des KZ-Lebens in Deckung bringen lassen will. In der dortigen Ausstellung wird auch über die Todesmärsche im Frühjahr 1945 berichtet und dass diese für viele KZ-Häftlinge mit dem blutigen Massaker in Gardelegen tödlich endeten.

Grünes Band KZ Dora-Mittelbau
KZ Dora-Mittelbau: heute „Parklandschaft“ – damals Todeslager
Grünes Band Gardelegen
Mahn- und Gedenkstätte Gardelegen
Grünes band Gardelegen
Feldscheune Isenschnibbe – Gedenkstätte Gardelegen
Grünes Band Gardelegen
Kopie der US-Gedenktafel von 1945
Grünes Band Gardelegen
Gräberfeld für 1.143 getötete KZ-Häftlinge

Das kleine Städtchen ist im Grunde nichtssagend, bekam in den letzten Kriegstagen im Frühjahr 1945 allerdings eine dramatisch-erschreckende Bedeutung. Die Konzentrationslager wie Mittelbau-Dora, Osterhagen und Stempeda wurden ab April 1945 wegen der heranrückenden Front der Allierten geräumt. Die Häftlinge sollten auf den „Todesmärschen“ in die großen KZs wie Buchenwald oder Bergen-Belsen gebracht werden. Das geschah zunächst mit der Bahn in Güter- oder Viehwagons, später aufgrund der Schäden im Gleisbetrieb auch zu Fuß. Hier in Gardelegen kam es in der Nacht zum 14. April 1945 zu einem der schlimmsten Massaker an KZ-Häftlingen. Über 1.000 Häftlinge wurden vom Bahnhof Gardelegen in die am Stadtrand gelegene Scheune des Gutes Isenschnibbe getrieben, um dort ermordet zu werden. Die SS-Bewachermannschaft wollte sich vom ihrem menschlichen „Ballast“ befreien. Über den Tatablauf gibt es verschiedene Darstellungen, klar ist jedoch, dass die SS- und Wehrmachtsangehörigen die Scheune in Brand steckten und zusätzlich auf die Eingeschlossenen schossen. Innerhalb kürzester Zeit starben fast alle Menschen in der Scheune, anscheinend haben nur ganz wenige schwerverletzt überlebt. Um die Spuren zu beseitigen, wurden die Mörder von der lokalen Feuerwehr, von Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes, der Hitlerjugend, der Polizei und weiteren Wehrmachtsmännern unterstützt. Sie verbrannten die Leichen und versuchten sie, in Massengräbern unweit des Tatorts zu verscharren.

Grünes Band Gardelegen
Gedenkstein zur Erinnerung an die Ermordung von 1.200 KZ-Häftlingen
Grünes Band Gardelegen
Gedenkstein an den Überresten der Scheune

Wenige Stunden später erreichten die amerikanischen Truppen die Stadt. Angehörige der 102. Infanteriedivision entdeckten die verkohlte Scheune und die Massengräber. Als unmittelbare Reaktion wurden 20 SS-Männer an Ort und Stelle erschossen. Nur einer der beiden Hauptverantwortlichen, SS-Hauptscharführer Thiele wurde, wurde 1947 verurteilt und starb bereits 1950 im Gefängnis. Der andere, SS-Obersturmbannführer Brauny, konnte mit falschen Papieren untertauchen und wurde erst nach seinem Tod 1994 enttarnt.

Die Ausgabe des Life-Magazins vom 7. Mai 1945 berichtete ausführlich über die Ereignisse in Gardelegen. Im Dokumentarfilm „Die Todesmühlen“ von Billy Wilder und Hanus Burger werden ebenfalls Szenen von der Bergungs- und Umbettungsaktion gezeigt. Der Film wurde in den Jahren  1945/46 bei Reeducation-Maßnahmen der amerikanischen Armee in Deutschland und Österreich eingesetzt.

Grünes Band Gardelegen
Ausgabe des Life-Magazins im Mai 1945

Ehrenfriedhof für über 1.000 ermordete KZ-Häftlinge

Am kommenden Morgen mussten alle männlichen Bewohner von Gardelegen antreten und den amerikanischen Armeeangehörigen helfen, die Leichen der Häftlinge aus den Massengräbern auf einen Ehrenfriedhof umzubetten. Die amerikanische Militärverwaltung ordnete außerdem an, dass die Gardelegener die Gräber der Ermordeten lebenslang pflegen müssten. Die Schändung des Friedhofs wurde mit schwersten Strafen belegt. Während der DDR-Zeit übernahm die FDJ-Jugendorganisation diese Aufgabe. Heute wird die Gedenkstätte vom Land Sachsen-Anhalt gepflegt. Gerade wird ein neues Informations- und Dokumentationszentrum gebaut, welches kommendes Jahr fertig werden soll.

Interessant ist auch und vermutlich nur im politischen Kontext zu verstehen, dass die DDR-Verantwortlichen die von den Amerikanern angebrachte Gedenktafel Mitte der 60er Jahre entfernen ließen und auf der neuen Tafel „nur“ von einem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus sprachen, jedoch die Beteiligung der Gardelegener an der Ermordung sowie die aufrüttelnde Aktion der amerikanischen Truppen nicht mehr erwähnten. Eine Kopie der ursprünglichen US-amerikanischen Tafel wurde erst wieder Anfang der 90er Jahre aufgestellt.
Ich fand diesen morgendlichen Besuch sehr, sehr bedrückend – ich war bis auf einen Gärtner der einzige Besucher auf dem Gelände und musste die Wucht der imaginären Bilder alleine auf mich wirken lassen. Ich war froh, dass die bedrückenden Erlebnisse durchs Radfahren verblassten, aber mich trotzdem begleiteten. Im Krieg gibt es Tote auf beiden Seiten, Soldaten, Zivilisten, es gibt häufig Kriegsverbrechen (wahrscheinlich ist das dem Krieg inhärent), doch dieses Verbrechen sprengte meine Vorstellungskraft, da die SS-Schergen ihre Gefangenen noch kurz vor dem vorauszusehenden Kriegsende auf bestialische Weise umbrachten.

Grünes Band Radtour
Das 7. Gebot: Du sollst nicht steh(l)en!
Grünes Band
… und schon beherzigt 🙂

Künstlerstadt Kalbe

Die Kilometer auf flacher Strecke zogen dahin, bis ich nach Kalbe kam, um Barbara, meine temporäre Reisebegleiterin aus Berlin, zu treffen. Kalbe ist ein kleines, sehr hübsches Städtchen, welches seit 2013 den Verein „Künstlerstadt Kalbe“ beheimatet. Dieser Verein hat zum Ziel, dass Kalbe zum inspirierenden Treffpunkt für Kunststudenten aus aller Welt werden soll und damit natürlich auch den eher bodenständigen Altmärkern ein Tor zu weiteren Welt der Kunst öffnen kann. So finden jedes Jahr zahlreiche Aktionen der Studenten mit und für die Kalbenser statt. 2018 wurde ein indianisches Tipi aus über 1.200 „Topflappen“ zusammengesetzt, welches noch immer auf dem Kirchvorplatz steht. Die 1.200 Bausteine waren 15x15cm groß und mussten gehäkelt oder gestrickt sein. Das Zelt sieht sehr lustig und farbenfroh aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sich um eine kreative wie kommunikative Aktion gehandelt hat. Also, auf nach Kalbe, wenn man von den Biennalen dieser Welt die Schnauze voll hat.

Grünes Band Radtour Kalbe
Topflappen Tipi in der Künstlerstadt Kalbe
Grünes Band Radtour Kalbe
Neues Motto für die SPD: Hoteltür in Kalbe

Zu zweit sieht so eine Reise anders aus. Ich musste mich mit einem Mal auf eine zweite Person einstellen: Tagesablauf, Geschwindigkeit, Pausenrhythmus, Plauderbedürfnis und vieles mehr, worüber ich mich alleine nicht kümmern musste. Natürlich hat es auch ein paar Vorteile, weil zu zweit ist man weniger alleine und kann sich über die Erlebnisse am Tag austauschen.

Haselnusshof in Binde

Unser Ziel für den späten Nachmittag hieß Binde, eine kleine Ortschaft nicht weit vom Arendsee. In Binde leben Jürgen und Traudi Starck, die vor etlichen Jahren aus dem Brandenburgischen hergekommen waren, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Es geht ihnen um Nachhaltigkeit und weniger Ressourcenverbrauch, weil die meisten Dinge in unserer Umwelt nicht unbegrenzt nachwachsen bzw. vorhanden sind. Sehr sympathische Einstellung, denn sie zeigt, wie man auch im Kleinen mit Umweltschutz und bewussterem Leben beginnen kann. Jürgen kümmert sich um 50Km des Grünen Bands rund um seinen Altmärker Wohnort. Das beinhaltet Aufräum- und Markierungsarbeiten aber auch Führungen für Schulklassen oder interessierte Menschen, die die Altmärker Natur möglichst unverfälscht erkunden wollen. Und wenn das Rad klemmt, Christian, der Sohn von Jürgen, betreibt ein Fahrradgeschäft und kann (meistens) helfen: Radkultur Starck.

Grünes Band Radkultur Starck
in Binde gibt es echte Radkultur…
Grünes Band Radtour Altmark
Gut gepflegter Weg des Grünes Bands in der Altmark

Wir waren sehr freundlich aufgenommen worden und hatten eine „Ferienvilla“ im paradiesischen Garten – einschließlich Solardusche und Pumpsklo. Und überdies kreuzten sich meine Wege mit Ralph Georgi aus dem Hessischen. Wir hatten wir uns nämlich eine Woche zuvor in der Rhön für einen Tagestrip verabredet, was sich aus Zeitgründen nicht realisieren ließ. Insofern hatten wir viel zu erzählen, denn Jürgen und Ralph sind 1A-Kenner des Grünen Bands, seiner Geschichte und den Herausforderungen, es nicht nur beim Status quo zu belassen, sondern in der Zukunft weiter zu entwickeln. Ralph war auch die Vorhut für weitere „Grenzgänger“ auf dem Grünen Band, die sich am folgenden Wochenende im nahen Ziemendorf zu einem gemeinschaftlichen Austausch treffen wollten. Leider waren wir schon weiter auf dem Weg nach Norden, so dass es heuer nur mit ein paar Grüßen reichen musste.

Grünes Band Radtour Haselnusshof in Binde
Haselnusshof in Binde: Paradies in der Altmark
Grünes Band Radtour Haselnusshof
Totempfahl im Paradies: Haselnusshof in Binde
Grünes Band Radtour Haselnusshof
Zwangsverpflichtete Banner-Trägerin: Das Grüne Band

Mittlerweile war es fast Mitternacht geworden, fielen mir die Augen zu und ans Weiterschreiben des Blogs ebenfalls nicht zu denken war. Mal abgesehen davon, dass Binde noch nicht an das schnelle Internetz angeschlossen ist und die Mobilfunkverbindung mit einem großen E für Edge glänzte: Telekom lässt grüßen… und damit liebe Kinder ist die Geschichte für heute zu Ende: Gute Nacht!

 

Veröffentlicht in Allgemein

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.