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Grünes Band Radtour – Tag 13: Dieser Brocken ist aus dem Weg

Heute geht es auf den Brocken – ich möchte meinen Sehnsuchtsberg bezwingen. Der Gipfel liegt auf 1.141 m über NHN und ist damit einer der höchsten Berge der deutschen Mittelgebirge.

Grünes Band Radtour Brocken
Das Höhenprofil der Brocken Etappe – gestartet bei 340m über NHN

Wenn man sich vom Eichsfeld her nähert, kann man den Gipfel mit den charakteristischen Türmen schon von weitem sehen. Am Vortag war mir schönes Wetter und klare Sicht vergönnt, so dass ich hoffte, dass es heute keine Nebelpartie werden würde.

Grünes Band Radtour Eichsfeld
Der Brocken in gar nicht allzu weiter Ferne

Gestartet bin ich in Sülzhayn (mit 340m NHN), vom ehemaligen Privatsanatorium Dr. Stein, welches nach dem Krieg von den „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) als Lazarett für ehemalige KZ-Häftlinge genutzt wurde. Inzwischen gehört das Haus einem holländischen Reiseveranstalter, der es in ein Hotel verwandelt hat und es als Villa Südharz anbietet – wahrscheinlich würden die Gäste am liebsten noch mit Gulden zahlen, da unsere holländischen Nachbarn eindeutig in der Mehrzahl waren. Die Unterkunft liegt idyllisch, fernab von jedem Trubel, von jedem WLAN, von jeder schnellen Internetverbindung, selbst von einer funktionierden Mobilfunk-Verbindung, also Ruhe und Erholung pur! Sülzhayn selbst hat die besten Zeiten leider hinter sich. Angeblich waren dort in den 50er Jahren mehr Kur- und Feriengäste als in Garmisch-Partenkirchen. Jedenfalls hatten sich schon seit 1920 viele Sanatorien für Atemwegserkrankungen in Sülzhayn etabliert, denen der Garaus durch die Zonenrandlage gemacht worden war. Immerhin wurde gerade die Dorfstrasse großräumig aufgerissen, um das „schnelle Internet“ ins Städtchen zu bringen – was durchaus sinnvoll ist (siehe oben).

Grünes Band Radtour Sülzhayn
Privatsanatorium Dr. Stein – heute Ferienvilla Südharz in Sülzhayn

Der Morgen war sehhhhhhr frisch und ich war froh, auch an mein wolliges Radfahr-Unterhemd gedacht – und angezogen zu haben. Von den sexy Beinlingen und Armlingen ganz zu schweigen. Über die hohen Bäume lugte langsam die Sonne, die zumindest ab Mittag wieder ein wenig wärmte. Die Brockenetappe sollte eigentlich kurz sein, gerade mal 65Km, auch wenn es auf über 1.100m über NHN hoch gehen würde, wäre das kein allzu großes Ding. Manchmal gibt es ja den Fall von „Denkste“ im Leben – so ein Tag war heute – oder sollte es heute werden.

Grünes band Radtour
No Nipple-Alarm

Brockenaufstieg

Ich kletterte von Biegung zu Biegung immer höher und hatte bald schon 600m über NHN erreicht. Zwischendurch konnte ich immer wieder einen Blick auf den Brocken erhaschen und dachte still bei mir: So schlimm wird das ja nicht… Die Komoot App zeigte mir den Weg und alles deutete auf einen schönen Aufstieg auf passablen Waldwegen hin. Ich kreuzte die Schienen der Brocken-Eisenbahn und kam in das Gebiet der Harzer Bachtäler, einem Naturschutzgebiet, welches sich entlang der ehemaligen Zonengrenze zieht. Sehr idyllisch, wieder naturbelassen und nur durch geringe Eingriffe des Menschen beeinträchtigt. Trotzdem wird hier die tödliche Tragik des „antifaschistischen Schutzwalls“ sichtbar, weil in den 60er Jahren zwei junge Menschen beim Fluchtversuch erschossen wurden. Heute erinnern Tafeln an die beiden jungen Männer.

Grünes Band Radtour Harzer Bachtäler
Die Harzer Bachtäler – schönes, ruhiges Naturschutzgebiet
Grünes Band Erinnerung an Todesopfer
Zwei junge Männer wurden beim Fluchtversuch erschossen
Grünes Band DDR Grenze Todesopfer
Die Idylle trügt: Kreuz für einen Toten beim Fluchtversuch über die Grenze
Grünes Band Harz Wurmberg
Der Wurmberg: Skipiste im Sommer

Das erste größere Zwischenziel erreichte ich bei der Talstation des Wurmberg-Sesselliftes. Skipisten und -lifte im Sommer sehen häufig brutal in den Hang gestampft aus – so auch hier, wenn eben gerade nicht der Schnee die braun-steinigen Hänge gnädig überdeckt. Schnell weiter, allerdings auf einer steil ansteigenden Passage des Kolonnenwegs. Es ging sehr rasant bis auf 800m über NHN hinauf. Ich folgte einem Wegehinweis zum „Dreckigen Pfahl“, weil dort der endgültige Abzweig Brockengipfel erfolgt. In meine schlaue Kladde hatte ich mir die Frage notiert, warum diese Landmarke „dreckiger Pfahl“ hieße. Ich gebe euch die Auflösung schon jetzt. Dieser Punkt heißt in Wahrheit: „DREIeckiger Pfahl“, 1) wegen seiner dreieckigen Form und 2) weil er drei Gemarkungen von einander abgegrenzt. Es ist ulkig, was das Gehirn (oder war es die dünne Höhenluft) mit der Wahrnehmung von Begriffen anstellen kann. Hier wurde ich allerdings mit dem Km-Hinweis belohnt: Nur noch 4,3Km bis zum Gipfel. Der erste Kilometer bis zur Ausweichstelle der Brocken-Eisenbahn war unter aller Kanone, für MTB-Fahrer ohne Gepäck sicher eine geile, aufregende Strecke. Für mich hingegen eine ziemliche Qual, weil ausgewaschene Fahrrinnen mit Mordssteinen bei einer 10%-gen Steigung mit schweren Packtaschen kein Vergnügen sind – basta!

Grünes Band Harz Banner 30 Jahre
Immer diese Aktivisten: 30 Jahre Grünes Band im Harz
Grünes Band Radtour Dreieckige Pfahl
Der dreckige Pfahl, ähem: der drei-eckige Pfahl
Grünes Band im Harz
Landschaftlich so beeindruckend – mit Gepäck nicht ganz optimal

Das ist ja der Gipfel

Danach begann der Genuß-Abschnitt, der einen innerhalb von 15 Minuten auf den Brockengipfel führt. Eine lange Strecke begleitet nebenan die Brocken-Eisenbahn, die sich aus fotografischen Gründen sogar zweimal hatte blicken lassen – das war also sehr gutes timing. Als ich oben ankam, war es wie auf der Domplatte in Köln: so viele Menschen, ganze Schulklassen, Kegel-Ausflügler, wer und was auch immer. Der Reiz, den Brocken erreicht zu haben, war so schnell verflogen. Der böige, kühle Wind und das trubelige Treiben führten bald dazu, dass ich mich schnell für die Abfahrt entschied.

Grünes Band Brockeneisenbahn
Immer bestens im Bilde
Grünes Band Radtour
Kurze Rast auf dem Brocken-Gipfel
Grünes Band Brocken Gipfel
Früher Abhöranlagen – heute Museum
Grünes Band Brockeneisenbahn
Kleine Brocken-Eisenbahn – große Touristenattraktion

Hier wollte ich besonders schlau sein, denn ich hatte keine Lust mehr auf Monotrails und holprige Waldwege. Deshalb habe ich die Fahrstraße nach Schierke und Elend genommen, um via Braunlage nach Bad Harzburg und schließlich bis Goslar zu kommen. Der Weg über die Fahrstrasse bringt einen nicht nur zum Erstaunen, sondern abwechselnd die Gefühle zwischen Fassungslosigkeit und Empörung hin- und herschwanken zu lassen. Warum? Auf dem Hinweg habe ich wenig tote oder kaputte Bäume gesehen, ich bin überwiegend durch einen Mischwald gefahren, der für mich als Laien noch in Ordnung schien. Auf dem Rückweg windet sich der Weg jedoch durch riesige Gebiete mit toten, verdorrten und/oder entwurzelten Bäumen. Dies erstreckte sich über einen ganzen Bergrücken oder Berghang, auf dem kein einziger Baum gesund war.

Der tote Wald als Durchgangsstadium

Bei den Rangern des Nationalparks in Schierke bekam ich die Erklärung geliefert: Das muss so sein. Ich will das etwas ausführen. Auf den Höhen des Harzes waren seit jeher Fichten die Grundlage der Forstwirtschaft, u.a. für den Bergbau, wo viel Holz benötigt wird. Fichten wachsen schnell nach und bieten eine kostengünstige Produktion für diesen nachwachsenden „Rohstoff“. Wenn die Fichten jedoch – wie im Harz und auch in anderen Mittelgebirgen – als einziger Baumart gepflanzt werden, sind diese Plantagen für Krankheiten und anderen Unbill sehr anfällig. Im Nationalpark nimmt man also in Kauf, dass riesige Gebiete absterben, um bei der Aufforstung die Fehler aus der Vergangenheit zu vermeiden. Man kann im Grunde auch nicht viel dagegen unternehmen. Anschließend kommen neue Baumarten wie Lärche oder Birke in den Boden. Dieser neue Mischwald soll in 50 Jahren deutlich widerstandsfähiger als die heutigen Monokulturen sein.

Grünes Band Brocken
Fahrstraße nach Schierke I
Grünes Band Brocken
Fahrstraße nach Schierke II
Grünes Band Brocken
Fahrstraße nach Schierke III

Ein cleverer Plan, der jedoch einen sehr langen Atem erfordert. Und bei den privaten Waldbesitzern nicht immer, nicht überall auf Gegenliebe stößt. Da die große Schlacht gegen den Borkenkäfer nicht anderweitig gewonnen werden kann, muss man noch für lange Zeit durch diese albtraumartige Gegend laufen. Es kann einen gruseln, auch wenn der Plan dahinter vermutlich gut ist und die Fehler der letzten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überwindet. Solche Borkenkäfer-Plagen gab es immer wieder in der Vergangenheit und waren meistens die Folge von einer übergroßen Zahl an bereits kranken und geschädigten Bäumen. Heute schaukeln sich mehrere fatale Trends dabei auf: die Klimaerwärmung, geringe Niederschlagsmengen, heftige Stürme und schließlich auch noch der gefräßige Borkenkäfer (gut zu wissen: gesunde Bäume können diesen frechen Eindringling wesentlich besser vertragen und mit ihm fertig werden). Hier gibt es einen informativen Beitrag von Peter Wohlleben über den Zusammenhang zwischen „Borkenkäferplage“ und schlechtem Waldmanagement.

Mit meinem Weg über die Autostraße war klar, dass sich die Etappestrecke „etwas“ verlängern würde, aber es war mit nicht klar, dass ich erst nach Braunlage ins Tal runter und dann wieder auf fast 850m über NHN hoch musste. Das war nach der Brockentour heftig und anstrengend, weil aus den überschaubaren 65Km auf einmal fast 90Km werden sollten. Ich war dann sehr froh, als ich ungefähr zwei Stunden später das Ortseingangsschild von Bad Harzburg am Straßenrand sah. Goslar, als nächstes Etappenziel war noch ungefähr 12 Km entfernt, das sollte in jedem Fall drin sein. Doch auf einmal zeigten die Goslar-Schilder in die entgegengesetzte Richtung als die Komoot App. Daher denken machen – und sich dann für eine Variante entscheiden. Die schien mir nach einem Kilometer so seltsam, dass ich lieber wieder den Hinweisschildern folgte. Und siehe da: auf einmal wies ein Schild den Weg zum Bahnhof, der nur ein Kilometer entfernt liegen sollte. Mein Gehirn hat sehr schnell vorgeschlagen: Nimm den Zug!

Grünes Band Radtour Bad Harzburg
Im Zug von Bad Harzburg nach Goslar

Dieser Eingebung bin ich gefolgt und musste keine 15 Minuten warten, um nach weiteren 12 Minuten in Goslar am Bahnhof auszusteigen. Uff, das war ein heftiger Tag mit vielen Eindrücken und sehr schönen, sehr einsamen Abschnitten, auch wenn der Sehnsuchtsberg nicht gänzlich überzeugt hatte. Die kurze Zugfahrt hatte mich versöhnt und mir gleich die nächste Eingebung gebracht. Es gibt einen besseren Zug als nach „Nirgendwo“ – die Destination für den kommenden Tag hieß daher Wolfenbüttel.

Veröffentlicht in Allgemein

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