Springe zum Inhalt →

Grünes Band Radtour – Tag 11 : Bad Sooden-Allendorf bis Breitenworbis

Ich wollte heute gerne mal wieder ein paar freundliche Gesprächspartner treffen, die mir Ost und West erklären. Das ist manchmal nicht so einfach. Ich habe den Eindruck, im Westen sind die Menschen weniger gesprächsbereit für so Typen wie mich. „Drüben“ war es meistens einfacher.

Ritter, Agenten und Rennfahrer

Ich verließ Bad Sooden in nördlicher Richtung, immer noch an der Werra entlang. Im Städtchen, direkt am Fuße des Gradierwerks wurde gerade ein Freiluft-Gottesdienst mit Bläserensemble gefeiert – die Bläser hatte ich bereits im Hotel bzw. beim Packen gehört. Meine erste Vermutung: ein frühes Kurkonzert, aber dann sah ich, dass es ein besonderes „Kurkonzert“ im Rahmen eines Gottesdienstes mit etlichen Besuchern war.

Grünes band Bad Sooden
Tierische Besucher des morgendlichen Gottesdienstes
Grünes Band Werratal
Sauwohl im Werratal: Biohof bei Lindewerra
Grünes Band Werratal
Auch Werratal: Radweg auf Bohlen

Beschwingt – und Rückenwind – fraß ich Kilometer um Kilometer, denn nachdem ich gestern die Burgruine Altenstein nicht gefunden hatte, stand heute – komme, was wolle – die Burgruine Hanstein auf meiner Besichtigungsliste. Diese Ruine ist sehr gut erhalten bzw. restauriert, was eine besondere Geschichte hat – und wer kennt nicht noch den bekannten Rennfahrer (und SS-Offizier) Huschke von Hanstein, ein Mitglied dieser weitverzweigten Familie. Ein anderes Mitglied der Familie, Wolfram von Hanstein, war Schriftsteller und DDR-Agent in der BRD. Nach seiner Enttarnung wurde er 1964 zu fünfjähriger Haft verurteilt.

Grünes Band Burgruine Hanstein
Die Burg Hanstein oberhalb der Werra
Grünes Band - die Radtour
Passendes Outfit im alten Gemäuer
Grünes Band Burgruine Hanstein
Gelungene Instandsetzung

Die Burgruine kann erst seit Mitte der 90er Jahre wieder besucht werden, weil Bornhagen im unmittelbaren Grenzgebiet lag und damit jede Besichtigung, aber auch Erhaltungsmaßnahmen erschwerten. Die Burg –  bereits aus dem 9. Jahrhundert  und Stammsitz derer von Hanstein – liegt hoch über dem Werratal und brachte den Burgherren regelmäßige und vor allem gute Zolleinnahmen von den vielen Händlern, die das Werratal zum Transport ihrer Waren nutzten. Noch heute lassen die üppigen Ausmaße der Burganlage den Reichtum der Familie erahnen. Hanstein gilt nicht ohne Grund als eine der schönsten Burgruinen in Mitteldeutschland. Das erkannte auch die DDR-Prominenz, die wohl wilde Parties auf der seit Mitte der 80er Jahre langsam hergerichteten Burg gefeiert haben soll. Bis die Grenze mit den quadratischen Beobachtungstürmen aus Betonteilen voll ausgebaut war, diente der Bergfried den Grenztruppen als Ausguck.

Kunst an der Burg

In einer Kehre bei der Auffahrt zur Burg passiert man zwei sehr gegensätzliche Kunstwerke – beide sind in gewisser Weise Mahnmale gegen den Wahnwitz der Teilung und für die Chancen eines wiedervereinigten Landes. Leider erschließt sich nur bei einem der Kontext, weil hier eine Erklärung mitgeliefert wird.  Die Metallkugel ist eines von insgesamt 14 Kunstobjekten entlang des Grenzabschnittes im Werra-Meißner-Kreis. Die Kugel soll Anfang und Ende symbolisieren – nie können diese Punkte exakt getrennt werden: alles ist mit allem verbunden. Die Ars-Natura-Stiftung ist als Trägerverein für diese Kunstwerke verantwortlich. Die Inschrift auf dem großen Felsstein beklagt das geschehene Unrecht durch die Sowjetunion während und nach dem Krieg und verdammt dieses Land in Bausch und Bogen. Leider ist nicht zu erkennen, wer der Initiator dieser im wahrsten Sinne des Wortes tonnenschwere Aussage und Anklage ist. Ich sehe hier eine weitere Rechercheaufgabe für mein freundliches Back-Office. Ich glaube, dass diese beiden Eyecatcher nicht ohne Grund nebeneinander stehen, weil sie die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und bewerten. Bitte bei den Kommentaren das Recherche-Ergebnis meines freundlichen und kompetenten Back-Ooffice nachlesen – sehr spannend!

Grünes Band Burg Hanstein
Das tonnenschwere Verdammen der Sowjetunion
Grünes Band - Ars Natura Stiftung
Anfang und Ende – alles miteinander verwoben

Grenzdurchgangslager Friedland

Nach der steilen Austieg konnte ich mich nun auf die flotte Abfahrt zur Werra zurück freuen. Langsam, aber sicher führte mein Weg in eine andere Richtung, da mein nächstes Ziel das „Tor der Freiheit“: das Grenzdurchgangslager Friedland werden sollte. In meiner Erinnerung verband ich Friedland mit den Spät-Aussiedlern und Ex-DDR-Bürgern. Weit gefehlt – aber ich musste immerhin an diesem 1.9. bis zum Bahnhof Friedland fahren und das dort beherbergte Museum besuchen, um meinen Horizont und mein Herz für die dort geleistete Arbeit zu vergrößern. Museen sollen Gefühle auslösen, sollen bilden, sollen bewegendes (schöne?) Dinge zeigen… All das geschah für mich auf den beiden Etagen in diesem Gebäude. Die Ausstellung ist ein sehr gutes Beispiel, wie komplexe Fragen von Flucht, von Fluchtursachen und Migration sehr anschaulich und auch emotional bewegend dargestellt werden können.

Grünes Band Grenzdurchgangslager Friedland
Das Museum beim Grenzdurchgangslager Friedland

Das Grenzdurchgangslager Friedland liegt geographisch genau am Zusammenstoß der ehemaligen britischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone. Es war auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht als erste Auffangstation für Evakuierte und Flüchtlinge aus dem Osten eingerichtet worden. Spätaussiedler, Familienzusammenführung, Betreuung der zurückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion waren die Schwerpunkte in den ersten Jahren nach dem Krieg. Später kamen Menschen aus Ungarn nach dem Aufstand 1956, dann Chilenen nach dem Militärputsch in den 70er Jahren, boat people aus Vietnam und viele andere, die in Deutschland Zuflucht suchten bzw. durch internationale Vereinbarungen nach Deutschland einreisen durften. Bis heute wurde Friedland für ca. 4 Mio. Menschen eine Zwischenstation und für viele auch der erste Schritt in eine neue Heimat.

Die Ausstellung „Fluchtpunkt Friedland“ erzählt die Geschichte des Grenzdurchgangslagers in einem spannenden Parcours von 1945 bis heute. Im Moment leben neben immer noch ankommenden Spätaussiedlern überwiegend geflüchtete Menschen, die in einem resettlement Programm sind, also nach Beruhigung der Lage in ihren Heimatländern wieder Deutschland verlassen müssen.

Ich habe mich mit Maria unterhalten, die nicht nur an der Kasse arbeitet, sondern auch Führungen leitet und ein wenig in die inhaltliche Arbeit eingebunden ist. Sie war nicht verbittert, vielmehr empört, dass in der öffentlichen Meinung vielfach die Vorstellung grassiert, Menschen würden einfach mal so, sich auf eine gefahrvolle, ungewisse Reise in ein anderes Land begeben – mit dem Ziel, die dortigen Sozialsysteme auszunehmen oder gar das Land zu unterwandern. Zu selten stehen die Ursachen für Flucht und Migration im Mittelpunkt, denn meistens spielen zwei Aspekte eine entscheidende Rolle: Krieg und Armut. In beiden Fällen ist Deutschland nicht ganz unbeteiligt, denn wir sind nicht nur Export-Weltmeister im allgemeinen, sondern mischen im Waffenexport auch unter den Top 5 mit. Wirtschaftliche Armut in den Ursprungsländern der Migranten werden durch globalisierte Produktionsweisen und unsere Konsumvorlieben mit verursacht. Jeder, der auf die Migranten schimpft, sollte einen Besuch im Friedländer-Museum einplanen und sich dort umsehen, wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten -zig Millionen Menschen aufgenommen hat. Ich fand diese Ausstellung sehr berührend, weil sie für mich Informationen und Emotionen in guter Weise verbunden hat.. Wie ich wieder aufbrach, kam gerade eine kleine Gruppe von syrischen Geflohenen, die mit einem landessprachlichen Führer ebenfalls die Ausstellung ansahen.

Eichsfeld – Muster für eine Regio

Geographisch ist hier der Übergang oder der Beginn des Eichfelds – in gewisser Hinsicht auch der Mittelpunkt von Deutschland. Das Eichsfeld ist ein alter Kultur- und Wirtschaftsraum in Deutschland, das heute auf dem Gebiet von Niedersachsen, Hessen und Thüringen liegt. Insofern stellt er das naturwüchsig dar, was von Marketing-Menschen heute umständlich als die Regio oder Metropolregion ins Bewußtsein geprügelt wird. Der Bauernkrieg tobte hier seit 1522, ein Jahrhundert später folgte der Dreißigjährige Krieg, der nicht nur das Eichsfeld, auch halb Deutschland in Trümmern liegen ließ. Der Wiener Kongress in 19. Jahrhundert legte schon die Grenzen fest, die nach 1945 den Grenzverlauf des Eisernen Vorhangs vorgaben.

Grünes Band - Nicht durchgehend
Auch das passiert häufig: die Landwirtschaft versperrt das Grüne Band

Grenzmuseum Teistungen

Kurz vor meinem Ziel kam der zweite Höhepunkt an diesem Reisetag, denn ich erreichte das große Grenzlandmuseum von Teistungen. Der Gebäudekomplex zur Reiseabfertigung einerseits und die Grenzüberwachung andererseits wurden und werden gut erhalten und bilden das Fundament für eine umfangreiche Ausstellung zu den Ursachen der deutschen Teilung, dem harten Grenzregime und zur Wiedervereinigung. Das ist ebenso frisch aufgemacht wie die Ausstellung in Friedland, da mit interaktiven Elementen und optisch gut gemachter Gestaltung gearbeitet wurde. Sehr anschaulich, sehr berührend und ebenso informativ. Bislang war das das beste „Grenzmuseum“ auf meiner Reise. Wer will, kann noch einen längeren Ausflug auf den nahegelegenen Pferdeberg machen und dort ein echtes Stück Mauer und Grenzbefestigung anschauen. Die Besichtigung dauert ca. 2 Stunden. Geschossen wird – zum Glück – dort nicht mehr.

Grünes band Grenzmuseum Teistungen
Grenzmuseum Teistungen – eines der besten auf der Grenzradtour
Grünes Band Grenzmuseum Teistungen
Ein Suchscheinwerfer – ein Vexierbild
Grünes Band - Teistungen
Das Grenzmuseum Teistungen aus der Vogelperspektive (allerdings die alten Grenzanlagen)

Mittlerweile war es wieder später als geplant oder gedacht. Die reine Fahrstrecke mit 80 Kilometern geht zwar auch in die Beine, war bis jetzt immer ganz erträglich. Was dagegen mehr Zeit erfordert, sind die kleinen und großen Abstecher, der Besuch von Ausstellungen oder die Suche nach einer besonders guten Stelle zum Fotografieren (Liebe Frau Beck vom BUND: Mein Versprechen, gute Bilder von meiner Reise mit dem „30-Jahre-Grünes-Band“-Banner zu machen, war vielleicht etwas voreilig, aber ich freue mich selbst, wenn etwas Ansehnliches dabei rausgekommen ist).

Grünes Band - Tote Bäume
Ich bin noch nicht einmal im Harz: auch hier gibt es stellenweise tote Bäume
Grünes Band Grenzpfahl
Ein Männlein steht im Walde – nein: ein alter Grenzpfahl aus DDR-Zeiten

Die Wahlen in Sachsen und Brandenburg

Anyway, auch die letzten 15 Kilometer gingen vorbei und ich erreichte das Hotel in Breitenworbis noch rechtzeitig zur ersten Wahlprognose und den Hochrechnungen für die beiden ostdeutschen Landtagswahlen. Der vermeintlich abgehängte Osten hat so widersprüchlich gewählt, wie ich hier auch Menschen mit sehr widersprüchlichen Meinungen getroffen habe. Die 20 % plus-Ergebnisse der AfD erschrecken, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele sich mit einfachen Antworten begnügen und diese gerade am wenigsten die neue „bürgerliche Mitte“ darstellen. Auf der anderen Seite sind sie auch ein letzter Gong fürs Wachwerden. Erst kürzlich habe ich von einer Darmstädter Wissenschaftlerin eine sehr umfassende Einschätzung zu den Ursachen des populistischen Aufschwungs gelesen – verstärkt in Ostdeutschland, etwas abgeschwächt aber auch vorhanden in Westdeutschland. Cornelia Koppetsch hat eine umfangreiche Analyse des neuen „Populismus“ in Deutschland vorgelegt. Sie geht der Frage nach, wer die AfD als rechtsnationale Partei unterstützt und wieso. Sie sieht eine der Hauptursachen beim „Epochenbruch durch die Globalisierung“, der wirtschaftlich und kulturell schichtübegreifend Verlierer hervorgebracht hat. Mit dem Wunsch nach Restauration wollen sich die Deklassierten Gehör verschaffen und eine Protestbewegung etablieren. Vergleichbares, wenn auch als Folge der unbearbeitetem Nazizeit der Eltern, gab es Mitte/Ende der 60er Jahre, als mit dem 1000jährigen Muff unter den Talaren Schluss gemacht werden sollte.

Mir gingen abends die Erlebnisse in Friedland und im Grenzmuseum durch den Kopf, weil sie auf unterschiedlicher Weise auch zeigen, was die gegenwärtige Situation so schwierig, so komplex macht. Und bei solch anstrengenden Gedanken bin ich dann sanft entschlummert.

Grünes Band Breitenworbis
Diesmal durfte auch mein Fahrrad im Hotel übernachten

Veröffentlicht in Allgemein

2 Kommentare

  1. Das freundliche Backoffice Das freundliche Backoffice

    Erkenntnisse zum „Tonnenschweren Stein der Verdammnis der Sowjetunion“

    War gar nicht so einfach, dazu was heraus zu bekommen. Fündig wurde ich schließlich bei dem Künstler Sandrino Sandinista Sander – Danke für das freundliche informative Telefonat! Seines Zeichens Stiftungsvorsitzender und einer der Gründer von „Ars Natura“. Wir erinnern uns: Das dort ebenfalls zu sehende kugelige Objekt zur deutschen Einheit ist Teil des Projekts dieser Stiftung.

    Der geheimnisvolle Gedenkstein war zuerst da, wurde zeitnah nach der Wiedervereinigung von einer Frau aus der Familie von Hanstein in Auftrag gegeben. Den von Hansteins, die wohl noch immer einen Teil der Burg bewohnen, gehört der Wald in dem die beiden Objekte stehen. Ich gehe davon aus, dass sie nach dem Ende des 2.Weltkriegs enteignet wurden und ihren Besitz nach der Wende zurück erhielten.

    Rund um die Burg Hanstein kam es im September 1945 durch das „Wanfrieder Abkommen“ für einige Dörfer zu einem Gebietstausch zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone. Hintergrund war, dass dadurch eine (zur Versorgung) wichtige Eisenbahnlinie komplett in westlichem Gebiet lag. Für diejenigen BewohnerInnen, die sich nun plötzlich in der „Ostzone“ wiederfanden, begann eine harte und schwere Zeit voller Restriktionen. Obwohl das Abkommen sie verpflichtete samt ihrem Besitz an Ort und Stelle zu bleiben, wanderten vor allem viele Jüngere ab.

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Mein Back Office funktioniert so wunderbar – danke, liebe Dagmar, das ist eine sehr aufschlussreiche Erklärung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.