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Grünes Band Radtour – Tag 12: Breitenworbis bis Sülzhayn

Heute Nacht habe ich prima und sehr lange geschlafen, vielleicht lag es daran, dass ich der einzige Gast im Hotel war. Stimmt nicht ganz, auch mein Rad durfte im Gang vor meinem Zimmer „schlafen“. Beim Rollladen-Hochziehen war mir bereits aufgefallen, dass ein Wetterwechsel in der Luft lag und der 1.9. bekanntlich der meteorologische Herbstanfang ist. So war es dann auch: klar, sonnig, windig und sehr frisch. Und höchste Zeit, die Bein- und Ärmlinge rauszuholen und unter-/überzustreifen. Diese Beinlinge sehen sehhhhr sexy aus, erinnern mich an die Halterlosen meiner Frau, da sitzen sie jedoch deutlich besser als bei mir. Entweder ist die Anti-Rutsch-Silikoneinlage an einem Bein nicht mehr okay oder ich habe unterschiedliche Beine, jedenfalls rutscht einer dieser langen „Strümpfe“ immer… Dennoch sind diese Teile für Arme und Beine sehr praktisch, weil sie das lange Radtrikot für die Übergangszeit ersetzen und im Laufe des Tages meistens ausgezogen werden können.

NVA-Grenzdienst: nur ein großes Abenteuer?

Nach einem leckeren Frühstück und einem ausgiebigen Studium des Wetterberichts ließ sich mein Aufbruch nicht länger aufschieben. Allerdings musste ich den Hotelier mit ein, zwei Stichworten ködern, so dass ich doch noch nicht los musste und ein paar interessante Geschichten erfuhr. Es stellte nämlich raus, dass er als junger Mann bei den NVA-Grenztruppen gewesen war. Entweder hatte er es wirklich gut getroffen oder in der über dreißigjährigen Rückblende wird manches verklärter als es tatsächlich war.

Aus seiner Erzählung hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die 1 1/2 Jahre Wehrdienst für ihn ein großes Abenterlager war, bei dem man sich wundern konnte, dass nicht mehr DDR-Bürgern oder auch Grenzern die Flucht gelang. Aufgrund der ausgedünnten Überwachungspunkte wäre seiner Meinung nach eine Flucht mit guter Vorbereitung ziemlich einfach gewesen. Ich kann das nicht beurteilen – als Insider kannte er die Schwachstellen des Systems vermutlich viel besser. Allerdings sind eben mehrere Hundert Menschen nicht so „clever“ gewesen und haben ihr Leben beim Fluchtversuch verloren. Ich kenne so eine Haltung auch im Westen – egal ob Bundeswehr oder sonst eine eher nervige Beschäftigung: eigentlich war ja alles nicht so schlimm.  Und der gute Mann hat zum Glück auch nie schießen müssen. Ich höre noch Ernst, den Senior vom Gasthaus Schiff, der seine Weigerung, bei den Grenztruppen Dienst zu schieben, mit dem Wehrdienst bei den Pionieren bezahlen musste.

Tourplanung und Highlights

Heute hatte ich drei größere Haltepunkte geplant: das West-östliche Tor, die Rhumequelle und das Kloster Walkenried. Überraschend kam dann noch das Erlebniszentrum der Sielmann-Stiftung auf dem Gut Herbigshagen bei Duderstadt dazu.

Grünes Band Eichsfeld
Wehnder Warte – am Beginn des Eichfeldes
Grünes Band Eichsfeld Brocken Harz
Blick übers Eichsfeld – ganz weit hinten der Brocken

Von Breitenworbis musste ich wieder das Eichsfeld erklimmen und je weiter ich nördlich kam, ließ sich am Horizont mein Sehnsuchtsberg immer wieder kurz blicken. Ich freute mich, dass der Tag klar und sonnig war und somit sehr gute Fernsicht versprach. Ich hoffe, dass das auch für den morgigen Tag gelten würde, wenn ich den Brocken in Angriff nehmen werde. Der Blick auf dem Hochplateau des Eichsfelds ist immer phänomenal und wird im Norden nur von der Harzer Bergkette begrenzt.

West-Östliche Tor

Man strampelt über mehr oder weniger sanfte Steigungen und lockere Abfahrten, bis dann wie aus dem Nichts das West-Östliche Tor auftauchte. Das ist ein phänomenales Kunstwerk, wie ich schon manche an der alten Grenzlinie entdeckt hatte. Es wurde 2002 vom ehemaligen Staatschef Michail Gorbatschow und dem damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin eingeweiht. Auf dem Kutschenberg stehen zwei 12 m hohe Eichenstämme, die von 66 Roteichen im Kreis eingerahmt werden. Ich habe Bilder aus dieser Zeit gesehen, wo die Roteichen kleine Stummelbäumchen waren und nur die beiden imposanten Pfähle in den Himmel ragten. Heute ist es anders, da die großen Stämme langsam aber sicher verwittern und beinahe von den Roteichen verdeckt oder überwuchert werden. Hier steht wieder die Symbolik des Zusammenwachsens im Mittelpunkt:  Altes zerfällt, wird zersetzt und Neues kommt hinzu, bis Anfang und Ende verschmelzen. Nachtigall ich hör dir trapsen, das war auch das Motto des kugeligen Kunstwerkes bei der Burg Hanstein. Der Unterschied ist hier, dass der Zerfalls- und Wachstumsprozess der gesellschaftlichen Entwicklung von Ost und West durch das natürliche Wachstum der Bäume einerseits und den Zerfall der Stämme andererseits dargestellt wird. Eine tolle Idee, finde ich – aber wie sollte es anders sein: ich war mit meinen Überlegungen zur Symbolik wieder mal alleine auf weiter Flur.
Übrigens: hier hat man ungefähr die Hälfte der gesamten Strecke erreicht – hurra!

Grünes Band West Östliches Tor
Das West-Östliche Tor auf dem Kutschenberg
West-Östliches Tor Grünes Band
Hier lassen sich die Dimensionen des Natur-Kunstwerkes gut erkennen
Grünes Band BUND Aktion
Mal wieder eine kleine Aktion beim West-Östlichen Tor

Kleine Anekdote: ich wollte an dieser Stelle ein schönes Bild mit dem BUND-Banner und Hintergrund machen. Ich versuchte daher das Banner, an einem der Eichenstämme festzumachen, bis ich ein giftiges Summen und schrilles Brummen hörte. In einem der hölzernen Torpfeiler hatte ich eine kleine Hornissen-Kolonie aufgeschreckt, die wild surrend nach der Ursache für die Störung suchten. Ich machte mich schnell aus dem Staub und glücklicherweise beruhigten sich diese flattrigen, nervösen Zeitgenossen wieder, uff. Hornissenstiche stehen nicht obenan auf meinem Wunschzettel. Am Ende kamen noch ein paar schöne Bilder dabei heraus, die ich gerne hier poste.

Die Sielmann Stiftung auf Gut Herbigshagen

Anschließend kam mein Überraschungsstopp bei der Sielmann-Stiftung. Ich hatte in den vergangenen Tagen zufällig auf einem Flyer darüber gelesen, aber da mir die Ortschaft nichts sagte, hatte ich es nicht weiter in der Etappenplanung berücksichtigt. Wer in den 70er Jahren noch mit den Eltern vor dem Fernseher saß, wird an den Tier- und Natursendungen von Heinz Sielmann nicht vorbeigekommen sein. Warum auch, waren sie immer sehr anschaulich und ohne jeden Dünkel. Bei  Sielmann hatte sich schnell ein Faible für das Grüne Band entwickelt, weil er hier sah, dass der Erhalt der Artenvielfalt in einem geschützten Biotop-Raum möglich wäre. Das war mit ein Grund, warum die Stiftung ihren Sitz auf Gut Herbigshagen nahe Duderstadt gelegt hatte. Auf dem Erlebnishof geht es um die Artenvielfalt und warum es gut ist, diese zu bewahren. Hier gibt es eine tolle Ausstellung, nicht nur für Kinder, aber vor allem für Kinder, die spielerisch lernen und entdecken können. Die Stallungen und das Außengelände sind bestes Anschauungsmaterial, wie das Fleisch oder die Wurst bei uns auf den Tisch kommen. Auch nicht unwichtig: das Café bietet leckere Kuchen und feinen Kaffee an. Ich habe meinen Besuch im Museum mit Kaffee und Kuchen und Postkartenschreiben ausklingen lassen.

Grünes Band Gut Herbigshagen Sielmann Stiftung
Gut Herbigshagen: Zentrum der Sielmann-Stiftung auf dem Eichsfeld
Grünes Band Sielmannstiftung Sielmann Stiftung
Die Sielmann Stiftung auf dem Gut Herbigshagen
Grünes Band Sielmann Stiftung
Ein farbenfroher Freund begrüßte mich im Café
Grünes Band Assisi Kapelle Sielmann Gut Herbigshagen
Letzte Ruhestätte des Ehepaars Sielmann: Franz von Assisi Kapelle beim Gut Herbigshagen
Grünes Band Steinskluptur
Schöne Steinskulptur des Grünen Bands
Grünes Band Grüner Radler Radtour
Der Grüne Band Radler sinniert über die Artenvielfalt

Dann – wieder kleine Anekdote – kam ich in dem kleinen Örtchen Brochthausen vorbei. Am Ortseingang ist ein Kneippsches Wassertretbecken. Ich nenne es: das Michael-Kessler-Gedenkbecken. Auf seiner, bereits von mir erwähnten und beliebten Expedition mit dem TukTuk entlang des Grünen Bands kam er auch durch dieses Örtchen und traf dort zwei freundliche Damen, die während des Wassertretens mit ihm redeten und vom Leben im Dorf erzählten. Heute war leider niemand dort und mir war es zu umständlich, Schuhe, Strümpfe und die – sexy – Beinlinge auszuziehen. Wahrscheinlich hätte diese Kneippkur ungeahnte Kräfte in mir entwickelt – das muss warten.

Grünes Band Kneipp Kur
Soll ich oder nicht: Kneipp-Anwendung in Brochthausen

Die Rhumequelle ist eine der großen Karstquellen auf oder beim Eichsfeld, die mit dem unterirdischen System der karstigen Gesteinsformationen in Verbindung stehen. Das Wasser sickert von der Oberfläche (oder aus Flüssen)  nach unten und kommt an anderer Stelle wieder zum Vorschein. Sicherlich kennen manche den Blautopf in Blaustein – dort passiert dasselbe auf der Alb. Aus dem Rhume-Quelltopf sprudeln in guten Zeiten 2.000 Liter/Sekunde und machen sich auf den Weg zur Weser. Die Farbe des Quelltopfes ist einmalig – ich würde sagen: metallicgrün – und sie wechselt je nach Licht- und Sonneneinstrahlung – wirklich ein schönes Naturschauspiel.

Grünes Band Rhumequelle
Ist das eine Farbe? Der Quelltopf der Rhumequelle

Noch eine kleine Anekdote: diesmal hat mich nicht die Komoot App in die Wüste geschickt, sondern ich habe ein Wegeschild falsch interpretiert. So vier bis fünf Kilometer vor der Quelle stand ein Wegweiser, dem bin ich gefolgt, vermeintlich richtig gefolgt bin, denn ich fuhr und fuhr und fuhr: erst einen Hügel hoch, dann wieder runter und sah langsam einige Häuser näher kommen – irgendwas kam mir dabei komisch vor, denn es waren dieselben, die ich bereits vor einer knappen halben Stunde passiert hatte. Schließlich im zweiten Anlauf, mit sieben unnötigen Kilometern auf dem Tacho kam ich schließlich bei der Rhumequelle an. Und machte eine Pause mit einem „geklauten“ Brötchen aus dem Hotel – also der Verlängerung des Frühstücks in die Mittagszeit.

Kloster Walkenried: Ort der Einkehr

Weiter ging es zum Kloster Walkenried. Langsam hatte ich auch den Sch****e für den heutigen Tag voll. Doch als Jesuitenschüler kennt man die Wirkung der geistigen Einkehr und die wollte ich mir im Kloster Walkenried nicht entgehen lassen. Ich musste erneut das (Bundes)Land, wechseln, ach halt, das stimmt ja gar nicht mehr und landete hier und da, je nachdem wie sich der alte Grenzverlauf schlängelte. Das Zisterzienserkloster Walkenried wurde bereits im 12. Jahrhundert gegründet. Die Mönche waren auch u.a. dafür verantwortlich, dass am Goslarer Rammelsberg bereits im 13. Jahrhundert der Bergbau und die Verhüttung begann. In den folgenden 1 1/2 Jahrhunderten erlebte das Kloster (und Goslar!) einen wirtschaftlichen Aufschwung, der mit den Bauernkriegen ein Ende fand. 1668 wurde das Kloster aufgegeben und als Steinbruch genutzt. Nur die Mönchsklausur und der Kreuzgang blieben davon unberührt. Letztlich war die Schließung des Klosters der Grund, warum mir die innere Einkehr verwehrt wurde. Außerdem kam hinzu: lundi fermé – so konnte ich nur einen Nachmittagskaffee in der Klosterschenke trinken und mir den Flyer vom Museum zu Gemüte führen. Klingt so, als wäre ein Wiederholungsbesuch dringend angeraten.

Kloster Walkenried
Mächtiges Fassadenstück und Portal der Klosterkirche in Walkenried

Von Walkenried ging es über Ellrich nach Sülzhayn weiter, wo ich in einer alten Jugendstilvilla übernachten wollte. Zumindest per Luftlinie wäre es nur ein Katzensprung. Ich passierte Ellrich, ein Städtchen, welches auch direkt im Grenzgebiet lag und damit viele unangenehme Regeln des strengen Grenzregimes ertragen musste.

Grünes Band DDR Grenzpfahl
Einer der wenigen alten DDR-Grenzpfähle (bei Ellrich)
Grünes Band Infostand BUND
Ein Platz zur Rast: Info-Pavillon von Gemeinde und BUND
Grünes Band Ellrich
Gute und umfangreiche Information zum Städtchen Ellrich und der Idee vom Grünen Band
Grünes Band Kolonnenweg
Heute nicht mehr – ich streike!
Brocken Grünes Band Ellrich
Noch in weiter Ferne…

Anscheinend sollte ich bereits heute etliche Höhenmeter für die morgige Harzdurchquerung machen, wie so häufig immer schön am Ende einer Tagesetappe. Das war der kleiner Trost, als ich den 3Km langen Anstieg nach Sülzhayn hochkeuchte und mir laut vorsagte: Das hast du morgen schon erledigt. Und natürlich war es nicht in Sülzhayn downtown, sondern wunderhübsch am entgegengesetzten Ende des kleinen Örtchen auf einer  Anhöhe mit weiteren Höhenmetern gelegen. Mein Ziel war das ehedem bekannte Privatsanatorium von Dr. Stein. Nach dem Krieg wurde es 1945 ein Genesungsheim des VVN.  Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ ist eine gesamtdeutsche Organisation, die sich bis heute um KZ- und Gefängnisopfer des deutschen Faschismus kümmert. Nicht nur im humanitären Sinne, sondern vor allem mit einem politischen Auftrag. In den ersten Monaten nach Kriegsende wurden dort viele ehemalige Gefangene aus dem nahen KZ Mittelbau-Dora versorgt, von denen jedoch etliche kurze Zeit später an Entkräftung, Unterernährung und fortgeschrittenen Krankheiten gestorben waren und auf dem Sülzhayner Friedhof begraben liegen.

Ferienvilla Sülzhayn
Hotel im Südharz: Ferienvilla Sülzhayn (fest in holländischer Hand)

Heute gehört das Hotel einer holländischen Betreibergruppe, die hier und an anderen Stellen eine geheime „Umvolkungsaktion“ betreibt: Holländer fallen in Scharen ein und vertreiben erholungssuchende Deutsche, aber diese Meldung wird von den Merkel-geführten Staatsmedien natürlich verschwiegen… Gute Nacht, ihr Lieben!

 

Veröffentlicht in Allgemein

4 Kommentare

  1. Horst Blitz Horst Blitz

    Hallo zusammen,

    Zum Thema „Franz von Assisi Kapelle“ kann ich etwas beisteuern:

    Am Sonntag war Welt-Schöpfungstag und bei uns in der Kirche waren ganz im Sinne von Franziskus die Haustiere erlaubt.
    Meine Hündin Lara war auch mit dabei und hat mich beim Gitarre-Spielen unterstützt!
    Schön, dass auch die Familie Sielmann Franziskus als Patron für ihre Kapelle gewählt hat!
    Viele Grüße
    Horst

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Vielen Dank für diesen freundlichen Hinweis! Die Kapelle und die Lage mit dem schönen Blick über das Eichsfeld sind wirklich sehr beeindruckend.

  2. Ansgar Struck Ansgar Struck

    Lieber Stefan,
    Du nimmst uns hier in wunderbarer Weise auf Deine tolle Tour mit. Danke für die vielen Eindrücke, die Lust darauf machen, diese Gegend einmal besser kennen zu lernen. Weiterhin gutes Radeln und warmes Wetter ohne Beinlinge!

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Vielen Dank für deinen Kommentar und das Kompliment 🙂 Es geht auch mit den letzten Tagen der Tour bald weiter. Ich bin etwas in Verzug, weil ich drei Tage eine Reisebegleitung hatte und damit Fahren und Schreiben etwas herausfordernder war.

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