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Grünes Band Radtour – Tag 10: Creuzburg bis Bad Sooden-Allendorf

Nach diesem Ruhetag war es eine richtige Herausforderung, die Ortlieb-Taschen wieder zu packen, alles nach draußen zu schleppen und am Fahrrad zu befestigen. Und es war bereits morgens heiß und schwül, so dass ich schon nach 10 Minuten ins Schwitzen kam – ohne einen Meter gefahren zu haben. Der Abschied von meiner Frau war mit Wehmut begleitet, auch wenn derjenige, der nach vorne schaut, Abenteuer, Neues, Abwechslung im Sinn hat – und damit es auch einfacher.

Kurlaub in Bad Sooden?

Heute stand Bad Sooden-Allendorf als Tagesziel auf meinem Programm. Flussradtouren sind ja immer was Schönes, denn wenn die Richtung stimmt, muss man nicht viel Energie für’s Strampeln aufwenden. Dachte ich mir so insgeheim, denn es ging nur die Werra entlang – flußabwärts zur Elbe hin. Das Werratal ist von den Naturgewalten breit in die Landschaft gefräst worden – ich vermute, dass es mit einer der Eiszeiten zusammenhängen muss. Von diesen Erdbewegungen ist ein fruchtbares und landwirtschaftlich intensiv genutztes Tal entstanden. Auch zum Fahrradfahren ist es ideal, weil es viele Fahrradwege gibt und naturgemäß wenige Steigungen. Ich kann nicht sagen: gar keine, aber alles im üblichen Rahmen. Ich hätte also eigentlich immer der Nase nach fahren müssen und wäre nach gar nicht langer Zeit in Bad Sooden angekommen.

Grünes Band Radtour Wanfried
Der alte Werrahafen Wanfried – am Grünen Band
Wanfried
Die Skulptur des unbekannten Radfahrers – in Wanfried am alten Werrahafen
Grünes Band Radtour
Wer hat hier den schlapp gemacht: Denkmal für den unbekannten Radler am Grünen Band (gesehen in Wanfried)

Komoot – manchmal nicht kommod, sondern eigenwillig

Doch als Zwischenziel hatte ich bei Komoot – unvorsichtigerweise – die Burgruine Altenstein eingegeben. Manchmal ist diese App etwas eigenwillig, denn es werden „besondere“ Wege ausgewählt. Kurz vorm eigentlichen Ziel, ich konnte fast schon die Kirchturm-Spitzen der Verbundgemeinde Bad Sooden-Allendorf sehen, sollte ich rechts abbiegen und strampelte zunächst gemächlich einen und einen weiteren Hügel nach oben. Burgen stehen ja meistens auf der Anhöhe, also habe ich mir nichts Schlimmes gedacht. Es ging immer weiter höher, mal auf schlechteren, mal auf besseren Waldwegen. Dann war ich da, aber nicht etwa bei der Burgruine, sondern auf dem Grünen Band, welches hier seinen Namen mit Fug und Recht hat: eine sehr breite Schneise von Horizont zu Horizont – oder wenigstens von Bergrücken zu Bergrücken. Das hat mich richtig beeindruckt, denn auf diesen Magerwiesen wachsen u.a. die seltenen und schönen Wild-Orchideen. Wie an den vielen Tagen zuvor hatte ich diesen Genuss für mich alleine, keine Menschenseele ließ sich blicken. Nur pure Natur und ein paar Meter des alten Grenzzaunes waren hier zum echten Sinnbild des Wandels vom Todesstreifen zur Lebenslinie geworden. Das ist ja das übergreifende Motto des Grünen Bandes, welches sich selten so plastisch zeigen lässt.

Grünes Band Plattenweg Kolonnenweg
Oberhalb der Werra, bei Volkerode: das echte Grüne Band
Grünes Band Aktivist
Was will denn dieser Aktivist? Werbung für’s Grüne Band machen?
Grünes Band Volkerode
Durch den alten Grenzzaun: Grünes Band bei Volkerode
Grünes Band Schafe zur Landschaftspflege
Unbezahlte – unbezahlbare Landschaftspfleger auf dem Grünen Band
Grünes Band oberhalb der Werra
Leider kann man den steilen Winkel der Abfahrt nur erahnen…

Mit dieser Begeisterung im Herzen stieg ich wieder aufs Rad und genoß den Anblick der unverletzten Natur.  Das – böse – Erwachen setzte einige Hundert Meter später ein: der „normale beknackte“ Plattenweg wandelte sich in ein schmales Band, uneben, fast zugewachsen – selbst ein Knüppelpfad ist im Zweifel einfacher zu befahren. Ich musste absteigen und das Rad einen Kilometer durchs Dickicht schieben. Zwischendurch sah ich Bad Sooden immer in der Ferne am Werragrund auftauchen und gleich schon wieder verschwinden. Da hatte ich die Arschkarte gezogen, denn Aussicht auf Besserung gab’s nicht.

Eine Frage der Ehre

Verzweifelung sieht noch anders aus, aber ich war über diese ganz miese Streckenführung angefressen. In solch einem Moment stellt sich die Frage „Zurück – oder weitermachen?“ und man sollte abwägen, ob Weitergehen wirklich schlau ist oder nur der Eitelkeit dient. Schlau oder nicht schlau: das ist hier (nicht) die Frage. Ich hatte mich für’s Weiterfahren (wenn man das so nennen konnte) entschieden. Kurz vorm Ende musste ich wieder absteigen und habe das Rad bei einer extrem langen und extremst steilen Abfahrt geschoben (geschoben wäre übertrieben, ich habe dauerhaft und kräftig bremsen müssen, dass ich nicht mit samt meinem Bike den Abhang heruntergejodelt wäre). Das war einigermaßen schlau, auch wenn es ohne Radler-Ehre war. Doch der aufgeschürfte Ellenbogen und die geprellte Schulter ließen grüßen und (!) warnen.

Dieser Abschnitt von 4 oder 5Km hatte es in. Irgendwo im Wald hätte ich auch noch die „Agentenröhre“ entdecken können. Ich kann mir das in diesem absolut unwegsamen Gelände sehr gut vorstellen, auch wenn es bloß eine Betonröhre ist, durch die sich DDR-MfS-Stasi-Agenten gerobbt hatten, um sich in den umliegenden Dörfern unters Volk zu mischen und die Stimmung zu erkunden. Ob da ganze Heerscharen unter der Grenze lang sind, um die BRD zu unterterminieren, bleibt wohl unbeantwortet, eignet sich jedoch gut für eine hübsche Mär über die bösen Jungs von „drüben“.

Die unerreichte Burgruine Altenstein

Vielleicht erinnern wir uns an den Ausgangspunkt: ich wollte auf die Burg Altenstein. Ich muss anscheinend einen Abzweig verpasst haben – und nachdem das Gefälle Richtung Werra zunahm, war meine Entdeckerlust an alten Burgen auf Null gesunken. Leider blieb damit auch das Grenzmuseum Schifflersgrund links (ode rechts ?) liegen. Puh, war ich schließlich froh, als ich einen ersten Wegweiser nach Allendorf fand, das ist der diesseitige Ortsteil der Verbundgemeinde Bad Sooden-Allendorf. Dann konnte mein Hotel nicht mehr weit sein. Über die Werra, unter der Bundesstraße und DB-Strecke rein in den Kurpark, am Gradierwerk vorbei – und schwupps: da ist der alte Schwanenteich mit dem kleinen Hotel.

Grünes Band Bad Sooden-Allendorf
Gradierwerk in Bad Sooden
Grünes Band Bad Sooden-Allendorf
Das Gradierwerk in Bad Sooden-Allendorf
Gradierwerk in Bad Sooden-Allendorf Grünes Band
Gradierwerk in Bad Sooden-Allendorf
Bad Sooden-Allendorf Grünes Band Radtour
Der Schwanenteich in Bad Sooden-Allendorf – Namensgeber für das „Parkhotel Am Schwanenteich“

Bad Sooden war in den 70er und bis Mitte der 80er Jahre eines der „Kurlaubs-Paradiese“ in Deutschland. Angeblich waren in den Hochzeiten des Kurbetriebs über 70 Kneipen, Bars und Tanzböden zu finden gewesen. Der Kurschatten als solcher wurde vermutlich nicht hier erfunden, sondern den gab es schon vorher. Durch die vielen Cafés, Kneipen und Bars konnten sich Mann und Frau da und dort treffen, um den Kurerfolg durch spezielle eigentherapeutische Elemente zu optimieren – vermutlich blieb das nicht immer folgenlos. Mit einer der Gesundheitsreformen nahm das ein abruptes Ende und Bad Sooden verfiel eine Zeitlang ins Koma. Allerdings fanden die Kliniken neue Felder und spezialisierten sich auf seltene und sehr komplizierte Krankheitsbilder, die nur in Spezialhäusern behandelt werden konnten. Deshalb hat sich der Kurlaubsbetrieb in einen gut laufenden Reha-Betrieb verwandelt, den man überall in Bad Sooden beobachten kann.

Entspannung pur: kostenlos und salzhaltig

Das Gradierwerk von 1683 läuft immer noch (oder immer wieder). Man kann kostenlos die salzhaltige Luft einatmen und sich auf Liegen entspannen – erst letztes Jahr wurde alles grundlegend saniert. Die Äste des Schwarzdorns, über den das salzhaltige Wasser nach unten tropft, verkrusten nämlich im Laufe der Zeit mit Gips und Kalkablagerungen, so dass der wohltuende Inhalationszweck nicht mehr funktioniert. Die Zweige müssen umständlich herausgenommen und wieder eingeschichtet werden. Die dazugehörige Werratal-Therme ist weithin bekannt und das Mineralwasser wird seit Jahrhunderten für vielfältige Anwendungen genutzt. Auch das Städtchen selbst hat sich fein rausgeputzt und tut einiges für seine Gäste: Wandern, Outdoor, Grenz-Geschichten, Kultur – Kassel und Göttingen sind zudem so nah, dass man nicht in der Kur-Provinz gefangen ist.

Bad Sooden-Allendorf Brunnen
Unbekannter Brunnen vor der Tourist-Info
Grünes Band Bad Sooden-Allendorf
Propere Innenstadt mit Fußgängerzone

Das Parkhotel Am Schwanenteich macht mit seinem Namen ganz schön was her. Es ist kein 4-Sterne-Haus, sondern eine nette, einfache Pension Garni. Die Hoteliers haben das Haus vor einiger Zeit übernommen und führen es mit Herz und großer Gastfreundlichkeit. Ich hatte ein Zimmer zum Teich hin, wo mich die Fontäne plätschernd in den Schlaf wiegte. Ich konnte dennoch bis 8 Uhr morgens schlafen, was bei mir selten ist und wenn, dann ein gutes Zeichen für Wohlbefinden und Geborgenheit. Der günstige Preis und die einfacheren Zimmer passen gut zusammen – das Frühstück lässt jedoch keine Wünsche übrig. Außerdem mögen sie Radfahrer, auch wenn sie nur eine Nacht dort verbringen. Das alleine ist ein wichtiges Kriterium, denn häufiger hört man auch: „Eine Nacht, ach wissen Sie, das macht immer so viel Arbeit…“. Wer mehr wissen will, bitte hier schauen.

Nach einer Riesen-Pizza bei einem indischen Italiener oder italienischen Inder und ein bisschen Blog-Pflege bin ich rechtschaffen früh ins Bett gesunken. By the way: ich hatte bei der Bestellung einen kleinen Steffi-Witz versucht und wollte vom indisch aussehenden Kellner eine Dal Pizza haben – versteht einer von euch diesen Schenkelklopfer-Scherz? Der Kellner leider nicht…

 

Veröffentlicht in Allgemein

7 Kommentare

  1. Rainer Schulze Rainer Schulze

    Hi Stefan!

    Weiterhin alle Achtung, für die sehr ausführlichen Beschreibungen deiner Erlebnisse. Dass Komoot hin und wieder drollige Ideen hat, das kenne ich. Leider achte ich bei der Planung praktisch nie auf das eingeblendete Höhenprofil, in welchem steile Anstiege rot markiert sind. Da diese jedoch meistens nur kurz sind, ist auch selten viel rot zu sehen.

    Hast du übrigens schon mal daran gedacht, deine Fotos mit Links zu versehen? Durch Anklicken würden sie dann größer erscheinen, und die Details wären klarer und schöner zu erkennen.

    Und zuletzt: meine Schenkel sind noch unbeklopft. Kann mir jemand den Witz erklären?

    Gruß … und weiterhin Gute Fahrt … Rainer

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Hi Rainer,

      der Punkt mit den Bildern ist ein guter Tipp. Das gilt für den gesamten Blog: zu Hause werde ich an der Schönheit arbeiten und u.a. die vielen Hinweise aus dem Blog 1.0 wieder einbauen. Daher bitte noch etwas Geduld…

      • Stefan Reeg Stefan Reeg

        Und noch eine zweite Antwort (oder eben keine): vielleicht erbarmt sich jemand, zu erklären, warum eine Dal Pizza bei einem „indischen Italiener“ eigentlich auch auf der Speisekarte stehen könnte – breitestgrins

        • Dagmar Dagmar

          Also gut, ich erbarme mich und erkläre den Waaahnsinns-Schenkelklopfer 😉 Dal ist ein beliebtes indisches Linsengericht. Und wenn nun die Pizzeria von Indern betrieben wird … Na, macht es klick? 🙂 Btw würde ich mir diese Kreation rein optisch wenig ansprechend vorstellen 😁 Vom kulinarischen Aspekt ganz zu schweigen. Aber es gibt ja auch Leute, die Fehlentwicklungen wie Pizza Hawaii mögen oder gar – echt mal gesehen, kein Scherz – Pizza Spaghetti 🤮

          • Stefan Reeg Stefan Reeg

            Endlich die Aufklärung für den Dal Pizza-Joke, das ist gut! Ich glaube auch, dass eine Dal Pizza weder schmecken noch appetitlich aussehen würde.

  2. Dagmar Dagmar

    Mal ganz abgesehen von Pizza & Co, scheint das ein wirklich ansprechendes Örtchen zu sein. Und das kommt in deinen tollen Bildern und der anschaulichen Beschreibung wie immer gut raus 🤗👍🙂

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      🙂 Danke für deinen Kommentar !

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