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Das Grüne Band – Tag 8: Sünna bis Creuzburg

Die kommende Etappe sollte aus zwei Gründen ein Genuss werden: 1) sie war kurz und führte „im Prinzip“ nur die Werra flussabwärts und 2) wartete meine Frau in Creuzburg auf mich, für ein gemeinsames, langes Vor-Wochenende.

Baumkreuz Ifta

Bevor es zurück auf die Piste ging, habe ich noch ein ausführlicheres Gespräch mit Rolf-Uwe Beck geführt. Den hatte ich im Netz als Mit-Initiator des „Baumkreuzes“ von Ifta aufgetan – glücklicherweise noch mit einer Handy-Nr. Die Baumkreuz-Aktion wurde und wird  von Künstlern, Politikern und selbst von Geschäftsleuten unterstützt. Da Ifta in unmittelbarer Nähe von Creuzburg liegt, wollte ich mir das gemeinsam mit meiner Frau anschauen. Insgeheim hatte ich gehofft, Herrn Beck in Ifta treffen zu können. Aber wir sind modern, so dass es ein Gespräch aus dem Auto tun sollte – und dem war auch so.

Grünes Band Baumkreu Ifta
Leider unleserlich: Baumkreuz bei Ifta

Rolf-Uwe Beck gehörte als Pastor definitiv zum kirchlichen Widerstand in der DDR. Auch in den vergangenen Jahren blieb er immer eine sehr politische Person. Seine Berufsstationen sind u.a. Gemeindepfarrer, Pressesprecher vom Landesbischof, Referatsleiter für Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Landeskirchenamt der Ev. Kirche in Mitteldeutschland. Nach Stationen beim BUND ist er jetzt Sprecher des Bundesvorstandes vom Verein „Mehr Demokratie“, der für mehr direkte, bürgerbestimmte Entscheidungsprozesse kämpft. In einigen Wochen ist das erste Bürgerratstreffen in Leipzig vom Verein geplant – das Leitthema ist die Zukunft der Demokratie. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse sowie die Fortsetzung Ende September.

Ich sprach mit ihm über das Baumkreuz an der B7 zwischen Kassel und Eisenach. Gleich zu Beginn wurde ich meines naiven Glaubens beraubt, denn das Baumkreuz verkörpert nicht etwa eine religiöse Absicht, wie man es vielleicht aus der Namensgebung vermuten könnte. Mit dem Baumkreuz wurde gleich im November 1990 begonnen. Es stellt eine Kunstaktion im Beuys’schen Sinne dar. Beuys hatte bei der documenta 1982 7.000 Steinsteelen nach Kassel bringen lassen. Immer wenn ein Baum gepflanzt wurde, sollte eine Steinsäule daneben aufgestellt werden. Inzwischen sind alle Basaltsäulen in der Stadt aufgebaut und damit auch 7.000 Bäume gepflanzt. Bei der Baumkreuz-Aktion stand die Idee des wachsenden und grenzüberschreitenden Kreuzes im Mittelpunkt, welches 1990 mit einigen Bäumen begonnen wurde und bis heute auf über 1.500 Bäume angewachsen ist – im direkten Sinne des Wortes. Jedes Jahr treffen sich die Aktivisten am ersten November-Wochenende, um neue Bäume zu pflanzen und alles in Ordnung zu halten.

Mehr Demokratie

Doch hatten wir auch andere Themen, denn er redet sehr gerne über den Ost-West-Bruch im Kopf, in der Gesellschaft und im politischen Handeln. Sein „Credo“ kann ich am besten mit dem Satz zusammenfassen: gemeinsam an die Arbeit gehen, gemeinsam als Ost und West. Er sieht große Defizite im Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten, auch beim schmerzhaften Prozess der Effektivierung der Produktionsprozesse im Osten, vielmehr noch bei der bewussten Aufarbeitung bei Opfern und Tätern gleichermaßen, das erlebte Unrecht zu überwinden und ggf. auch vergeben zu können.

Südafrika hatte nach dem Ende der Apartheid einen staatlich organisierten Prozess der reconciliation, damit Opfer wie Täter lernen sollten, mit der individuellen Schuld umzugehen, unabhängig von einer strafrechtlichen Beurteilung. Bei uns ist nie etwas in dieser Richtung unternommen worden. Beck bemängelt auch, dass das verfassungsrechtliche Dach in Gestalt des Grundgesetzes den Bürgern in Ostdeutschland aufgesetzt wurde, ohne dass eine verfassungsgebende Versammlung aus Ost und West einen solchen Prozess strukturiert hätte. Genau diesen Punkt hat gerade auch Werner Schulz in einem Radio-Feature „Verpasste Chance der Einheit“ angesprochen. Beck meint dazu, dass sich die Freiheitsrechte zu Beginn vor allem auf die Reise- und Konsumfreiheit beschränkten, aber die Ergänzung um die anderen Grundrechte teilweise noch ausstünde. Es war ein sehr offenes und bewegendes Gespräch, weil ich mich bislang nicht groß mit diesem Punkt auseinandergesetzt hatte. Ich weiß allerdings nicht, ob (und wenn ja: wie) diese verpasste Chance noch einmal aufgegriffen werden kann, denn manches wird durch den Zeitablauf überholt.

Doch zurück zum Grünen Band: Die Werra stellte über lange Strecken den „natürlichen“ Grenzverlauf zwischen Ost und West dar. Schon seit jeher waren freundschaftliche oder verwandtschaftliche Verhältnisse an der Tagesordnung, denn nur das Flüsschen trennte die Menschen. Mit der Grenzschließung taugten weder Boot noch Brücke, denn niemand konnte sich mehr besuchen, jeder musste jetzt mit seinem Leben und seinem Leid alleine zurecht kommen. Auf DDR-Seite war die Situation noch prekärer, da viele Ortschaften aufgrund der Grenznähe in der besonderen Schutzzone lagen, die Genehmigungen, Passierscheine und mehr verlangte.

Brücke der Einheit

In Vacha kann man auf der Brücke der Einheit dieses Gefühl der Verbundenheit als Fußgänger und Fahrradfahrer erleben. Die steinernde Brücke über die Werra wurde bereits im 12. Jahrhundert gebaut und stellte im Mittelalter ein zentrales Glied der wichtigsten Handelsstraße zwischen Frankfurt/M und Leipzig dar (es gab in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Erweiterungen und Verbesserungen). Während der deutschen Teilung war die Brücke zwischen Vacha und Philippsthal nicht zugänglich. In den Jahren 1993/94 wurde die Brücke aufwändig saniert und im November 2014 feierlich wiederöffnet.

Ein lustiger grüner Wandersmann auf der östlichen Seite soll das Gemeinsame zwischen Ost und West verkörpern. Diese Figur ist Teil einer größeren Kunstaktion von Otmar Hörl, der 2015 mit 2.000 solchen Männchen auf Deutschland-Tour gegangen war. Das Ernste an dieser Aktion war die Vorstellung, nicht nur ohne Gefahr über die Straße gehen zu können, sondern auch gefahrlos die innerdeutsche Grenze zu passieren. Der grüne Kerl erinnert augenblicklich an das Ampelmännchen, das in der alten DDR den Fußgängern als Vorbild dienen sollte.

Grünes Band bei Vacha
Brücke der Einheit bei Vacha
Grünes Band Ampelmännchen
Das „Ampelmännchen“ in Vacha
Grünes Band Vacha
Gesehen in Vacha: abgestellte Kunst – ausgedienter Grenzpfahl

Von der Brücke aus hat man einen schönen Blick auf Vacha mit seiner mittelalterlichen Stadtburg, auf die Werra (ja klar) und auf die allgegenwärtigen, weißen Abraumhalden der Salzbergwerke.

Salz-Gewinnung an Werra

Nach Vacha beherrschen eine Zeitlang die Kali-Berge – das weiße Gold der Werra – das Landschaftsbild. Ich habe mir sowohl den Aufstieg auf den Monte Kali (zumal falscher Wochentag) als auch die Besichtigung des Kali-Museums in Heringen gespart. Das Wiedersehen mit meiner Frau war mir wichtiger und spornte mich an, kräftig in die Pedale zu treten. Was nicht übermäßig anstrengend war, weil es weiter flussabwärts ging und Creuzburg bereits auf den Radweg-Schildern genannt wurde. 15, 14, 13, 12 Km und dann kam ein kräftiger Regengruß – in Sallmannshausen.

Grünes Band Monte Kali
Monte Kali aus der Ferne
Grünes band Werratal
Sieht das nicht wie der Fujijama in Japan aus – wenigstens ein bisschen?
Grünes Band Werratal
Überall Abraumhalden

Wie das Schicksal es wollte, fing es stark an zu regnen an genau der Stelle, an der ich im Frühjahr bereits auf einer Fahrt nach Dresden stand. Dort werden auf einer Infotafel historische Bilder von der Grenze und den Geschehnissen bei der Maueröffnung gezeigt. Ich suchte schnell einen Unterstand und fand ihn im gegenüberliegenden Gasthof „Zum Schiff“. Nachdem der Regen nachgelassen hatte, bat ich einen älteren Herrn, ein Bild von mir vor dieser Infotafel zu machen, nach dem Motto: vorher – nachher. Ich vermutete, er sei ein Gast, dann stellte sich raus, dass er der Senior Chef und bestens mit der Geschichte der Ortes und seiner Bewohner vertraut war.

Das Wiedersehen mit meiner Frau musste nun doch noch etwas warten, weil die Unterhaltung mit Ernst mit Anekdoten, lustigen und sehr ernsten, gespickt war. Ein ganz neues Bild auf die Grenze und dass er die Öffnung mit großer Freude empfunden hat. Er bekam das im November 1989 jedoch erst mit, als Leute aus dem Westen nach Sallmannshausen kamen und berichteten, dass die Grenze an der A4 offen wäre. Er selbst war beim Schlachten, wo er neben seiner Arbeit bei der LPG noch etwas dazu verdiente (nicht ganz legal, meinte er, aber nach 30 Jahren wird das wohl niemanden mehr kümmern). Auch wenn er diesen besonderen Moment verpasst hatte, konnte er sich ja die folgenden 30 Jahre drüber freuen. Ernst machte einen zufriedenen Eindruck, auch weil er mit den Entscheidungen von damals als junger Mann mit sich im Reinen war – es ging z.B. um eine ihm vorgeschlagene IM-Tätigkeit, die er abgelehnt hatte und nun als eine Art Strafe seinen Wehrdienst bei den Pionieren ableisten musste.

Grünes Band im April 2019
Sallmannshausen – Mai 2019
Grünes Band - Sallmannshausen August 2019
Sallmannshausen – August 2019
Zum Schiff Sallmannshausen
Der Senior-Chef Ernst vom „Schiff“ in Sallmannshausen

Es war ein sehr persönliches Gespräch, weil es nicht einfach klischeehaft die Zwänge der DDR-Gesellschaft, sondern auch eine aufrechte Haltung zeigte, selbst wenn damit bestimmte Konsequenzen verbunden waren.

Grünes Band Werratal
Werratal: Creuzburg calling

Die restlichen Kilometer flogen nur so dahin, erst der Werra folgend, dann lange Zeit die imposante A4-Brücke über die Werra im Blick, den Beginn des Rennsteigs in Hörschel und dann Creuzburg calling.

Grünes Band Ars Natura
Ars Natura: Aus der Enge in die Weite – gesehen bei Lauchröden *)
Grünes Band - Werratalbrücke
Die Werratalbrücke der A4 bei Hörschel
Grünes Band Rennsteig
Das Grüne Band kreuzt den Rennsteigweg in Hörschel

*) Ich möchte kurz die Geschichte der Burg Brandenburg bei Lauchröden erwähnen. Sie beherrscht durch ihre Lage oberhalb der Werra die Gegend. Im 12. Jahrhundert sind erste urkundliche Erwähnungen nachweisbar. Im 14. Jahrhundert teilten sich zwei verschiedene Burganlagen den Bergrücken – mit unterschiedlichen Eigentümern. Das dauerte bis ins 16. Jahrhundert fort, wo beide Burgen aufgegeben wurden. Militärisch gehörten sie zu einer vergangenen Periode. Erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts fanden sich private Helfer vom Brandenburgverein, die die Burganlage zu einem beliebtem Ausflugsziel herrichteten. Mit der deutschen Teilung fand das ein abruptes Ende, die Anlage wurde eingezäunt und durfte bis 1988 nicht mehr besucht werden. Danach fing es zügig mit einer grundlegenden Sanierung an. Seit einigen Jahren finden dort im Sommer Burgfestspiele und Konzerte  statt.

Grünes Band Burg Brandenburg
Die Burg Brandenburg bei Lauchröden

Creuzburg calling

Wir werden zwei Tage im wunderschönen Biohotel Wilhelmsglückbrunn verbringen. Mit dem Hotel wird ein Restaurant sowie ein Bio-Gut mit Galloway-Rindern und Schafen gemanagt. Das Hotelgebäude hat eine sehr, sehr lange Geschichte, denn bereits im Mittelalter wurde hier eine Saline aufgebaut, welche bis in 18. Jahrhundert erfolgreich produzierte. Es folgten weitere Bemühungen, das Gut zu neuem Leben zu verhelfen. Doch meistens waren die Versuche nur für kurze Zeit von Erfolg gekrönt. Die Zeit nach 1945 machte es schlimmer, denn das von der LPG heruntergewirtschaftete Gut stand vor dem Kollaps. Das Koma wurde schließlich in den 90er Jahren beendet, als das Gut erst als Restaurant und ein paar Jahre später um das Hotel erweitert komplett hergerichtet worden war. Essen und Schlafen sind 1A, die Gegend ist schön, viele interessante Landmarken zum Entdecken für Wanderer oder Radfahrer – ein tolles Genuss-Paket zum Abschalten und Erholen.

Grünes Band Creuzburg
Das Biohotel Wilhelmsglücksbrunn bei Creuzburg

Im nächsten Beitrag geht es weiter mit Creuzburg und Umgebung. Cu soon…

Veröffentlicht in Allgemein

4 Kommentare

  1. Lieber Stefan Reeg,

    herzlichen Glückwunsch zu diesem sehr gut zu lesendem und interessanten Reiseblog. Bilder und Gespräche ergeben einen guten Eindruck von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze damals und heute. Wünsche weiterhin viele interessante Eindrücke und Gespräche und….immer etwas Luft im Reifen.

    Der Brocken kommt und der herrliche Blick von Ost nach West entschädigt für die vielen (körperlichen) Strapazen.

    Beste Grüße
    Heinrich Pingel

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Lieber Heinrich, das freut mich sehr, dass es Ihnen gefällt und hoffentlich die eine oder andere (gute) Erinnerung an Ihre letztjährige Tour ins Gedächtnis gerufen wird.
      Beste Grüße
      Stefan Reeg

  2. Stephanie Stephanie

    Hi Stefan,
    tolle Reise, schöne Natur und interessante Menschen!
    Weiterhin viel Spaß,
    Stephanie

    • Stefan Reeg Stefan Reeg

      Danke fürs Kompliment und dass es dir gefällt – ciao Stefan

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